ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Prosaisches

gewisse umrisse [eine annäherung]

ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat, doch wann es angefangen hat, das weiß ich noch. ich kann darüber nicht schreiben. das ist falsch, ich könnte, doch ich kann nicht. nicht, dass ich es nicht aufschreiben könnte, (ich bin ja gerade dabei, wie man lesen kann), es liegt, nein. es ist etwas anderes, über dem der mantel des vergessens liegt. das heißt, er sollte da liegen, doch er liegt dort nicht. irgendwer muss ihn weggehängt haben, weggelegt, weggefegt. ich weiß es nicht. vielleicht auch nicht. der mantel des vergessens ist löchrig. mehr sage ich dazu nicht. jedenfalls ist es noch da. also das. das stimmt nicht. es ist fast nicht mehr zu sehen. es ist wie weg. dann ist es wieder da. dann: es liegt was drüber. das ist falsch. es ist nach unten gesackt. reingefallen. jemand hat ein loch ausgehoben. ein loch im mantel des vergessens. da ist es reingefallen. absichtlich? darüber sage ich nichts. darüber lag später etwas anderes, wuchs vielleicht auch etwas, verwandelte sich. was passiert ist. das passt nicht. kein wort passt. kein sprichwort. das ist das stichwort: es passte, doch nichts passierte. ich weiß warum, doch wissen tu ich es nicht. es fiel kein wort. nur ich. ich sag nichts weiter dazu. ich weiß, wo sie liegen. die gründe. ich kann sie bis hier. nichts weiß ich, nichts sage ich, nichts. ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat, doch wann es angefangen hat, das weiß ich noch. das stimmt alles nicht. ich muss zurück an den anfang. ich musste zurück an den punkt, an dem noch alles stimmte, bevor es verstummte. es könnte größer und größer werden, denkst du, dachte ich. ich dachte nicht nach. nichts habe ich gesagt, gar nichts. ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat, doch angefangen hat es, das weiß ich noch. mehr kann ich nicht sagen. wie auch. das stimmt alles gar nicht. nichts davon ist wahr. stimmt. ich sage nichts. gar nichts. ich glaube. es ist alles gelogen. gar nicht wahr.

© mp

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Auf dem Hügel über der Stadt

Wie ist das möglich, dass sich die Stadt so verändert hat, während ich immer gleich geblieben bin?
Der Baum sah an sich herunter und seufzte. Dann blickte er in die Ferne, sah auf die Stadt die vom Hügel aus so gut zu erkennen war. Rundherum wuchsen Häuser aus dem Boden, immer mehr, umgeben von unzähligen Straßen, auf denen viele Autos fuhren. Die Bäume, die vorher dort waren, mussten alle weichen.

Alles wächst. Und ich? sagte der Baum zu sich. Die Blätter raschelten.
Und ich? hörte er.
Wer hat das gesagt? fragte der Baum.
Wer wars? antwortete eine Stimme.
Wo steckst du, zeig dich! sagte der Baum.

Da tänzelte ein kleiner Schmetterling durch die Luft. Er kitzelte eines der Blätter des Baumes und flog lachend davon.

Das hat mir gerade noch gefehlt, brummelte der Baum, dass mich ein Schmetterling nachäfft. Dann seufzte er wieder. In dieses Geräusch mischte sich ein anderes.

Kuckuck.
Kuckuck? fragte der Baum.
Kuckuck.

Der Baum konnte keinen Kuckuck sehen, fühlen oder finden.

Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.
Wo zum Kuckuck steckst du? fragte der Baum. Bist du ein Schmetterling?
Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.
Der Baum hob seine Äste an und schüttelte sie. Es klang, als applaudierten die Blätter.
Kuckuck, hörte er wieder.

Der Baum sah nichts. Er lauschte.

Hallo Baum! rief da die Stimme.
Wer, ich? fragte der Baum.
Wer sonst?, fragte die Stimme.
Du kannst doch alles Baum nennen, sagte der Baum, nicht nur Bäume.

Eine lustige Idee,, lachte die Stimme, wenn ich ein Auto Baum nennen würde, oder Blume. Stell doch mal den Baum in die Vase. Oder: Ich setz mich jetzt in die Blume und fahre nach Tapete.

Der Baum hörte ein Kichern.

Zeig dich mal, bat der Baum. Bist du ein Kuckuck?
Nein, sagte die Stimme. Seh ich aus wie ein Kuckuck?

Ich kann dich nicht sehen, sagte der Baum. Geh mal ein paar Schritte, die Blätter hängen so dicht in meinen Ästen, ich kann dich nicht sehen.

Da sah der Baum, dass sich ein Mädchen mit blonden Zöpfen neben die Parkbank stellte, die ihm gegenüber stand.
Ich bin das, rief das Mädchen und wedelte mit den Armen. Rosemarie. Ich bin Rosemarie.

Hallo Rosemarie, sagte der Baum. Schön, dich zu sehen. Was machst du denn hier?
Dich angucken, sagte Rosemarie. Ich mag Bäume so gern. Es gibt kaum noch welche, wo ich wohne.
Danke schön, sagte der Baum, und ich mag Kinder sehr gern. Es kommen nur noch selten welche her, früher war das anders.
Ist wie mit den Bäumen, sagte Rosemarie. Früher war die Straße voller Bäume, Jetzt ist da kein einziger mehr. Nur noch Autos.

Ja, seufzte der Baum. Alles verändert sich, nur ich nicht.
Oh, du dich auch!, sagte das Mädchen.
Ich mich auch?, fragte der Baum überrascht.

Ja. Als ich dich das erste Mal sah, hattest du keine Blätter. Es war Winter, als ich mit dem Schlitten hier war. Da hast du ganz anders ausgesehen und warst doch der Baum, der du bist.

Meinst du?, fragte der Baum.
Ganz sicher, sagte Rosemarie. Jeder verändert sich doch.

In der Stadt sehe ich das, sagte der Baum. Es gibt dort immer mehr Häuser, hohe Häuser und immer mehr Autos. Das ist mir aufgefallen, doch an mir ist mir nicht aufgefallen, dass ich mich verändere.

Dafür bin ich ja da, sagte das Mädchen. Ich hab dich im Winter gesehen, im Frühling und im Sommer und ich werde dich auch im Herbst besuchen. Immer siehst du anders aus, aber immer bist du du. Manchmal lächelst du sogar mit deinen Ästen, manchmal siehst du traurig aus. Aber du bist immer ein wunderschöner Baum.

Und du bist ein wunderschönes Mädchen, sagte der Baum.

Da lächelte Rosemarie und umarmte den Baum. Und als sie später nach Hause ging, drehte sie sich immer wieder um, um dem Baum zu winken.

Bald komm ich wieder!, rief sie.
Da lächelte auch der Baum, winkte mit seinen Ästen und die Blätter applaudierten.

© mp

„biliiiing“

ich saß gerade hinter dem espressokocher und aß eine murmel aus schokolade, da passierte es: die katze kam in die küche und öffnete den kühlschrank. mit einer pfote griff sie den himbeerquark, mit der hinterpfote schubste sie die tür zu, dann ging sie ans regal, nahm eine kleine weiße schüssel und kippte den quark hinein. danach öffnete sie das küchenfenster, schaltete das radio ein und setzte sich an den tisch. genüsslich schlabberte sie den quark aus der schüssel.
ich beschloss, ein erinnerungsfoto zu machen und krabbelte den herd hinunter, rannte über den glatten boden um die ecke, noch einmal, und stand im wohnzimmer.
wo war die kamera? sie lag in der tasche. die katze schmatzte, ich hörte es bis hierher. ich schubste die tasche um und fischte die kamera heraus. dann zog ich sie hinter mir her und brachte mich in position am türrahmen.
immer noch zufrieden schlabberte die katze im schälchen herum. „biliiiing“, machte die kamera, als ich sie einschaltete. das rote lämpchen blinkte und wurde grün.
die kamera war bereit, doch bevor ich durch den sucher den optimalen bildausschnitt finden konnte, sah ich, dass die katze erschrocken am tisch stand, mit einer banane im anschlag.
sie hatte mich beobachtet! ihre kopfhaare standen zu berge oder berghoch oder wie auch immer das heißt. in solch einem moment der hochspannung fallen einem manchmal nicht die passenden vokabeln ein! ich muss die geschichte weiter erzählen!
ich rannte um die nächste ecke, die mir zur verfügung stand. es war eine nussecke, mir war das egal, hauptsache ecke. „kannst rauskommen, ich hab dich gesehen!“, rief die katze.
ich strich mir einmal durchs haar und ging selbstbewusst, mit erhobenem haupt, von einer seite des türrahmens zur anderen. dabei sah ich wie zufällig rechts rüber zur katze, die immer noch die banane auf mich richtete, ich nickte ihr zu, rief „moooooin“, um sie beiläufig zu grüßen und war bald auf der anderen seite des türrahmens angekommen.
da setzte ich mich, mit einem fast unhörbaren seufzer direkt auf den boden, um zu überlegen, wie ich aus dieser gefahrensituation entkommen könnte. da hörte ich ein atmen, direkt neben mir. quasi direkt an meinem ohr. und vernahm ein flüstern: „na, du kleine maus. was spielen wir jetzt?“
aus reflex habe ich meine augen so weit aufgerissen wie möglich. beeindruckt hat das die katze nicht. bevor ich darüber nachdenken konnte an meinem ausdruck zu arbeiten, rannte ich auch schon. wer war in meinem windschatten? die katze!
sofabeine, einmal links rum, dann weiter zum tisch, wieder um die beine, dann zu einem stuhl, dort eine acht gerannt, zum nächsten stuhl, eine sieben gerannt, haha, dann die treppe rauf, ich musste zeit gewinnen. während ich gehetzt rannte und rannte, ging die katze entspannt hinter mir.
die einzige, die außer atem war, war ich. ich glaube, ich hatte hitzeflecken am hals, eventuell auch ausschlag im gesicht, sicher war ich mir nicht. während ich keuchte und die katze mich angrinste, überlegte ich, wohin ich jetzt in sicherheit flüchten könnte.
das bett! ich sprang mit schwung auf die matratze und verkroch mich unter dem bettzeug. die katze lachte. dann schob sie eine pfote unters bettzeug, hob es an und legte mich frei. scheiße, ich zitterte. dann hörte ich: „biliiiing“ und sie drückte auf den auslöser. „ein foto fürs erinnerungsalbum“, sagte sie gelassen und lachte wieder. dann drehte sie sich um und ging zurück in die küche, um ihren quark zu ende zu schlabbern.
sie mochte es genauso wenig wie ich, fotografiert zu werden. nur ihre maßnahmen waren irgendwie drastischer als meine.

© mp

Das Faltboot in der Küche

Ich wollte mich gerade um mein Frühstück kümmern, da überraschte es mich: Ein Faltboot, in der Küche, genauer gesagt, in meinem Kühlschrank. Es lag im Gemüsefach, zwischen Brokkoli und Radieschen.
Während ich verdattert da stand, gab es plötzlich einen Knall und das Boot entfaltete sich mir entgegen, mit einem heftigen Schlag gegen die Stirn. Da hörte und spürte ich auch schon: Wasser! Nach und nach rauschte zu meinen Füßen das Meer heran. Bereits nach ein paar Minuten stand ich in fünf Zentimetern Wasser, als das Faltboot sprach: „Du kommst hier net rein.“
„Ich will auch gar nicht da rein!“, rief ich, während ich mir mit der linken Hand an die Stirn fasste. Das Wasser schwappte um meine Füße. „Wie, verdammt noch mal, kommst du in meinen Kühlschrank und kannst du bitte das Meer stoppen!?“
Das Faltboot sagte nichts. Es sank in sich zusammen. Oh je, ein sensibles Faltboot in meinem Kühlschrank!, dachte ich, unerfahren in Faltbootpsychologie. Der Wasserpegel stieg auf sieben Zentimeter.
„Hör zu“, sagte ich bestimmt, „du musst das Wasser stoppen! Du bist hier, aus Versehen, in meiner Küche gelandet. Ich brauche hier kein Meer! Ich brauche Brokkoli und ein Pflaster!“ Das Blut tropfte mir von der Stirn.
Das Faltboot blieb still.
„Bist du beleidigt?“, versuchte ich unsere Konversation in Gang zu bringen. Nichts. Wasserpegel inzwischen 9 Zentimeter. Die ganze Wohnung machte Schwappgeräusche, nur das Boot blieb still.
Ich warf einen Blick um die Ecke. Das Wasser stand auf gleicher Höhe in Flur und Wohnzimmer. Ich hörte, wie es im Bad gegen die Fliesen klatschte. Was mach ich denn jetzt?, dachte ich laut.
„Hör zu, wenn du was essen willst,“ begann plötzlich das Faltboot, „ich hab in einer meiner Innentaschen noch ein Sandwich. Irgendwo muss auch ein Campingkocher für Tee sein, kannst du gern benutzen.“ Dann war es wieder still.
Ich lachte laut auf.
„Entschuldige,“ stammelte ich, nachdem ich mich wieder gefangen hatte. „Ich hatte noch nie das Meer in meiner Wohnung oder ein Faltboot im Gemüsefach… und mit Faltbootpsychologie kenne ich mich nicht aus.“
„Macht nichts,“ antwortete das Faltboot, dafür kenne ich mich, sowohl mit Meeres-, als auch mit Menschenpsychologie aus. „Ich kann dir anbieten: Ein herrliches Sandwich mit frischem Gouda, Gurken-und Tomatenscheibchen. Interessiert?“
„Welchen Tee hast du dazu,“ fragte ich, halb im Scherz.
„Welchen trinkst du denn am liebsten?“
„Roibuschtee“, antwortete ich.
„Den hab ich, kein Problem. Soll ich den Tisch für dich decken?“
Das hier war zu absurd, träumte ich? Ich schlug mir mit der flachen Hand an die Stirn. Autsch, das tat weh. Ich hatte Blut an den Fingern. Nein, das hier war real!
„Ja, gerne, deck für mich den Tisch,“ sagte ich. „Aber sag: Könntest du bitte endlich das Meer stoppen?“ Das Wasser reichte mir inzwischen bis an die Kniekehlen. Wie mochte es wohl im Hausflur aussehen? Die Türe konnte ich nicht öffnen, wegen des starken Wasserdrucks. Als ich durch den Türspion sah, sah ich, wie ein Papierbötchen über die Treppen von der vierten in die fünfte Etage schipperte.
„Eine Bedingung!“, sagte das Faltboot in meine Beobachtungen.
„Welche?“, fragte ich.
„Du musst mich ans Meer bringen, ans richtige, dann stopp ich das Meer hier.“
„Mach ich“, sagte ich kurzentschlossen. „Eine Fahrt von ein paar Stunden, ich pack dich einfach ins Auto.“
„Mir wird aber so schnell übel beim Autofahren,“ sagte das Faltboot. „Das letzte Mal hab ich in den Innenraum gekotzt.“
Ich stellte mir vor, wie das wohl ausgesehen haben könnte, sah Gürkchenscheiben und Gouda schwimmen und wie sich Gurkenscheibchen in den CD-Player schoben.
„Ich könnte das Fenster öffnen, während der Fahrt. Und wir machen genügend Pausen, dann kannst du dir die … ähm, Flanken vertreten auf dem Autobahnparkplatz“, schlug ich vor.
„Flanken vertreten“, spottete das Faltboot. „Willst du mich verscheißern? Wenn schon, dann musst du mich zwischendurch zu Wasser lassen. Da bin ich wie ein Fisch.“
„Ein Fisch?“, fragte ich verdattert.
„Ja, in meinem früheren Leben war ich ein Fisch,“ berichtete das Faltboot. „Hab ich bei einem Retreat herausgefunden. Spannend war das.“
„Ahja, sehr spannend“, sagte ich. „Also gut, ich suche per Routenplaner die Strecke aus, auf der die meisten Tümpel, Seen, Pfützen und Wasserlachen sind.“
Es entstand eine Stille zwischen uns. Ich befürchtete, das Faltboot könne wieder eingeschwappt, äh eingeschnappt sein, weil ich nicht richtig geantwortet hatte. Inzwischen hatte das Wasser meine Kniescheiben überwunden. Ich sah das Toastbrot am Küchenfenster durchs Wasser schwimmen, gleich daneben drehten sich die Äpfel zufrieden im Wasser. Aus dem Wohnzimmer kamen mir die Blumenvasen im Flur entgegen geschwommen.
„Einverstanden“, sagte das Faltboot in meine Gedanken hinein. Dann gab es einen Zischlaut von sich und mit einem Schlag war alles Wasser verschwunden und kein Meeresrauschen mehr da.
„Such die Route schon mal raus,“ sagte das Faltboot selbstbewusst und klappte in den Flur, als wolle es gleich los. Ich trottete klatschnass zum Computer und suchte, wie gewünscht, die Route aus.
„Ich freu mich schon aufs Meer“, rief das Faltboot aus dem Flur.
Ich starrte auf den Bildschirm. Zwischen all den Tümpeln, Seen und Pfützen gab es einen Weg ans Meer. Zwar kostete das 149 km Umweg, aber was macht man nicht alles für eine trockene Wohnung und ein Sandwich mit Gouda und Gürkchen.
„Ich habs,“ rief ich zufrieden.
Das Faltboot applaudierte in der Küche. „Ich hab dir dein Frühstück angerichtet“, hörte ich. „Mit Roibuschtee.“
Ich nahm die Wegbeschreibung aus dem Drucker, krempelte meine Hose hoch, zog die Socken aus, suchte im Schuhregal nach trockenen Schuhen, zog Sandalen an und setzte mich an den Küchentisch. Das Sandwich schmeckte vorzüglich. Das Faltboot grinste, während ich begierig aß.
Zehn Minuten später fuhr ich auf die Autobahn. Es gab keine unangenehmen Zwischenfälle, die Route war gut gewählt, es gab allerhand Planscherei und ein zufriedenes Faltboot.
Gegen Abend war ich wieder zurück Zuhause. In der Wohnung war alles wie immer. Keine umherschwimmenden Toastboote, ähm, Toastbrote, die Äpfel lagen unversehrt in der Obstschale, die Vasen standen da, wo sie zuvor gestanden hatten, der Boden war trocken, die gesamte Wohnung war in Ordnung, als hätte ich alles zuvor geträumt.
Am Kühlschrank fand ich einen Zettel hinter einem Magneten. „Dank dir fürs Übernachten,“ stand drauf. „Ich freu mich aufs Meer! Das andere!“ Dahinter war ein Smilie gezeichnet. Sachen gibts.

© mp

Gelassenheit bei der Betrachtung

„Wenn man sich selbst erkennen und erfassen möchte, ganz gleich auf welche Art, ob schreibend, denkend, redend, schweigend, kreativ, muss man bedenken, dass man mehr als eine Person ist. Und dass, abhängig von der Perspektive aus der man schaut, aus dem Blickwinkel, mit dem man betrachtet, auch abhängig vom Empfinden und Zeitpunkt des Betrachtens, das Ergebnis stets ein anderes sein wird. Zum Beispiel: Aus der Liebe heraus, aus der Angst, der Wut, aus dem Ego heraus, aus der Enttäuschung, der Traurigkeit, aus dem Zweifel, aus der Erwartung u.a. heraus sich immer andere und unterschiedliche Antworten finden werden, obwohl alles eins ist und man doch nie nur eins ist.“

(Tagebuchnotizen)

© mp

Fremde Männer gucken mir beim Schlafen zu

Ich wohne jetzt im Erdgeschoss. Dabei bin ich gar nicht umgezogen. Aber jetzt wohne ich im Erdgeschoss. Quasi. Wenn man im Erdgeschoss wohnt, können Hinz und Kunz rein gucken. Bei mir sind es ungefähr zehn polnische Bauarbeiter, deren Namen ich nicht kenne. Sie haben sich nicht vorgestellt, wie man sich vorstellen kann. Was außerdem unvorstellbar ist: Die mir seit einiger Zeit beim Schlafen, Wohnen, Kochen, Essen und Leben zugucken. Ich bin umzingelt. Der Vermieter rüstet auf und hat einrüsten lassen. Das Haus wird modernisiert. Rundherum spazieren nun die Bauarbeiter. Es wird eine Verkleidung am Haus angebracht, die gar nicht angebracht ist. Die Wärmedämmung, die das Haus zukünftig leichter entflammbar macht, wird jetzt aufgebracht. Aufgebracht waren wir Mieter im Haus darüber, weil die Wärmedämmung nämlich gar nicht nötig ist. Es war immer schön warm hier. Im Sommer angenehm kühl, im Winter angenehm warm. Ab jetzt ist es auch im Winter kühl und wir müssen mehr heizen. Außerdem könnte es sein, dass der Schimmel kommt, das sind hervorragende Aussichten. Apropos Aussichten: Die Bauarbeiter sind schon da, sie fangen früh an diese Woche. Schon um halb sieben haben sie sich auf der Straße breitgemacht. Dann sind sie nach und nach aufs Gerüst geklettert und haben laut knallend die Treppen herunterfallen lassen, über die sie übers Gerüst klettern können. Nachdem alle im Haus hochgeschreckt und halbwach sind, schneiden sie die Kunststoffknirschplatten direkt vor dem Fenster zu. Und kommentieren dies laut gröhlend mit durchdringend scharfer Stimme. Die Stadt schläft, nur wir sind jetzt alle halbwach. Modernisierung macht Spaß. Man zieht quasi um, ohne umgezogen zu sein. Es ist ein neues Wohnerlebnis, sich bei allem zugucken lassen zu müssen. Und obendrein gibts eine ordentliche Mieterhöhung. Toll.

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Die wüste Geschichte über einen Wüstenkaktus

Es war einmal ein Wüstenkaktus, der stand in der Wüstensonne mit Wonne. Wilde Wüstenfliegen flogen darüber, dahinter, drumherum und dran vorbei. Auch ein Adler kreiste erhaben, grüßte die Wüste und fragte: “Heben Sie Schlangen?” Er hatte einen Sprachfehler und verwechselte manchmal Suchstaben. Ein Flüchtigkeitsflieger.

Über seinen Zechfehler wollte der Adler ein Buch schreiben. Ursprünglich hatte der Adler das hohe und lange Schlangenaufkommen im Buch unterbringen wollen, denn er mochte Schlangensätze, aber dann schlängelte sich alles woanders hin. Der Adler angelte sich eine Schlange und beide bebten lange und glücklich in der Wüste zusammen, beide Herzen in Flammen.

Die Wüste. Es sah aus, als läge hier lediglich Sandkorn an Sandkorn über denen dauernd ein Adler mit einer Schlange kreiste, aber das war ganz und gar nicht so! Nicht nur viele Adler, Wüstenfliegen und Kaktusse, Verzeihung Kakteen, standen herum, es gab weitaus mehr! Es geschah genau dort, an diesem Ort, etwas Spannendes anderes:

Ein mexikanischer Flamencotänzer, war, oh Wunder, dorthin ausgewandert. „Ich habe Sand im Getriebe meines Lebens“, hatte er eines Tages festgestellt. Das ist ein Zeichen!“ Also ging er ins Reisebüro und anschließend flog er in die Wüste. Er hatte Sand gesucht, aber da war er auf Granit gestoßen. Ganz schön hart! Vor Kummer trank er sieben Tage und Nächte lang, dann hatte er kein Wasser mehr und der Mensch unter dem Hut fand in der Wüste fast sein Ende.

Denn eine Schlange aus der langen Schlange kam vorbei, schlanglangte den Hut auf und sagte: “Ey Mexikaner, ist das dein fucking Hut?” Der Mexikaner sah die Schlange und es wurd ihm ganz lange bange. “Hast Du den Bungeespringer gesehen?”, fragte der Mexikaner die Schlange zangebange. Die Schlange schüttelte ihren Kopf so häufig und heftig, dass sie sich einmal um sich selbst drehte und noch mal und noch mal und noch mal und noch mal und noch mal. Inzwischen war sie ganz schmal gedreht und man kann sagen, dass sie aussah wie ein Zopf aus Kopf. Der Mexikaner sah die aufgedrehte Schlange, ihm war immer noch bange, er nahm schnell den Hut und lief davon wie ein Mexikaner, der Angst vor Schlangen hat. Von weitem, im Laufen, sah er eine Oase und er fragte sich: “Kann man sich da besaufen? Sollte ich da hin laufen? Ist das eine echte Wohlfühloase?”

Da klappte hinter einem Stein eine Wohlfühlfliege hoch: “Das ist eine Oase und die ist echt, Mann!” Der Mexikaner schlug mit seinem Hut nach der Fliege und die Fliege schlug mit ihren Flügeln nach dem Hut. Das tat beiden gut, denn es kühlte. Diese Hitze! Einsame spitze. Hut statt Mütze. Fliegenflügel bügeln hinter Wüstenhügeln.

Die Szene der beiden war beendet, also flog die Fliege ihres Weges, der Mexikaner musste laufen, weil er keine Flügel hatte. Alles ging seinen Gang, der Mexikaner auch, mit Hut auf dem Kopf und darin, in der Erinnerung verdrehte Schlangen und ganz präsent: Durst. Da spielte plötzlich Musik vor ihm: “Yes Sir, I can Salza”, hörte er und dachte: “Komisch, ich kenne das Lied unter einem ganz anderen Titel”. Die Musik lief weiter, vor ihm her, hinter ihm, um ihn herum. Überall Musik, er fühlte sich berauscht. Und dann geschah es: Hinterm Tresen stand ein Aufgebot und fragte: “Willst du mich heiraten?”

Der Mexikaner drehte sich um, aber hinter ihm war nur die kopfverdrehte Schlange und eine wilde Fliege. “Die meinen wohl die Beiden”, dachte er und tat einen Schritt hinter die Theke. “Braucht ihr hier Hilfe?”, fragte er in die Hitze. Sie flirrte und der Mexikaner hörte: “Ja”. Er wiederholte “Ja!”, nahm seinen Hut ab, fuhr sich durchs Haar, setzte den Hut wieder auf und rief: “Wer möchte was trinken?” Niemand antwortete, da bediente er sich selbst.

“Geiles Leben hier”, dachte der Mexikaner, „nur soviel Sand. Scheiß Wüste.“ Dann trank er auf einer Bank zwei Liter Limonade. “Löscht keinen Durst”, dachte der Mexikaner.

Und wenn die Schlangen nicht gestorben sind, die Adler noch um Wüstenkakteen kreisen, die Fliegen noch Flügel bügeln hinter den Hügeln und der Mexikaner Flamenco tanzt, dann ist das ganz, ganz schön wüst und das Ende dieser Geschichte.

© mp

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Wellen.

If you don’t become the ocean, you’ll be seasick every day. (Leonard Cohen)

Es gibt Momente im Leben, die besonders sind. Besonders besonders. Weil sie fordern. Weil sie wollen. Etwas von dir. Manchmal schwappt einem das Leben als riesige Welle entgegen, während man am Ufer steht und die Füße vom Wasserstrudel umspült werden. Wird es mich mitreißen? Soll ich weiter gehen? Ist es besser, fest zu stehen? Kann ich schwimmen? Trägt mich die Welle? Als ob man auf alles vorbereitet wäre. Was hast du denn? Was brauchst du denn? Das Leben liefert. Antworten. Fragen. Aufgaben. Und wir? Mittendrin. Scheitern und siegen, falls es so was wie Scheitern und Sieg überhaupt gibt. Vielleicht ist alles einfach nur. So wie wir selbst auch. Wir sind. Du bist. Ich bin. Mensch. Bist du bereit? scheint das Leben manchmal zu fragen. Es tritt an einen heran, hat etwas dabei. Manchmal ist es ein Problem. Ein Problem? Was soll ich verfluchte Scheiße mit einem Problem? Gibt’s nicht was Besseres? Nein. Zeig mir, wer du bist, sagt das Leben. Ich bin da, wo bist du? Ich warte auf dich. Das Leben ist geduldig. Es sieht sich an, wo wir sind, wer wir sind. Es will wissen, wo wir sind, wer wir sind. So, da bist du ja, XY. Ich klopfe mal an, wie die Lage ist. Klopf, klopf. Manchmal fühlt es sich wie eine Kopfnuss an. Manchmal denkt man: Es reicht! Vielleicht Ausdruck unseres mangelnden Vertrauens. In uns selbst. In das Leben. Das Leben weiß. Oder nicht? Woher soll ich das wissen? Ich weiß, dass es manchmal ganz Dicke kommt. Der aufgeschlagene Mensch. Das aufgeschlagene Buch. Wir. Du. Ich. Die Seiten füllen sich, die Seiten leeren sich. Wir überschreiben, radieren, schreiben neu. Wir, auf und in den Wellen unserer Erfahrungen. Ich spüre die Wellen. Ihre Kraft. Ihre Lebendigkeit. Ihre Schönheit. Wie sie sagen: Komm, wir spielen! Komm mit! Und manchmal kannst du nichts anders tun, als weg zu laufen. Dich treiben zu lassen. Oder dir die Taucherbrille aufzusetzen und dich voll und ganz hinein zu stürzen. Und manchmal erkennst du: Ich selbst bin die Welle. Und das da draußen hat Vertrauen in mich und sagt: Es ist alles für dich. Es ist alles für dich da. Ich bin für dich da. Hab Vertrauen. Tu, was du tun kannst. Trau dich. Du schaffst das. Wir schaffen das zusammen.

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Wann ist es denn Juni geworden?

Manchmal frage ich mich, ob ich einen verinnerlichten Schlafmodus habe. Nicht, dass ich dauernd müde wäre oder Schlaf meine Hauptbeschäftigung, aber manchmal frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Ich weiß es natürlich, es ist eine rhetorische Frage, Teil einer Selbstbefragung. Interviews mit sich selbst, nicht nur nachts, wenn man sich wie eine Wühlmaus zwischen Bettlaken und Kuscheldecke dreht. Himmel, wo ist die Zeit geblieben? Sie ist in der Natur geblieben, in wachsenden Haaren und Ungewissheiten, hat sich ausgeformt in Fragen und ein paar Antworten hinter denen wiederholt Fragezeichen tanzen. Die Sichtbarkeit der Zeit in Angefangenem und Liegengelassenem, Ab-und Aufgeschlossenem, besuchten Orten, Gedanken und Gesprächen, in Geschriebenem, Ungeschriebenem, Gelesenem, ach, was frag ich überhaupt. Ich weiß es doch. Ja, und doch gibt es diese Momente, wenn man jemanden trifft (oder sich selbst) und vor der Frage steht: Was hast du eigentlich die letzten Wochen [Monate, Jahre] gemacht und wie man dann das Gegenüber [oder sich selbst] irritiert anstarrt und innerlich die Frage wiederholt: Ja, was habe ich eigentlich gemacht?

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Laub.

Ich weiß noch, dass etwas im Laub raschelte und ich dachte: Das ist die Hoffnung. Das ist das Glück. Dann hüpfte sie fort, die Hoffnung, das Glück rannte einen Baum hoch, bis in den Wipfel. Ein Eichhörnchen. So geht es manchmal, dachte ich. Dass man denkt, man wüsste und  man weiß doch so oft nicht. Zum Beispiel, wenn es still, aber nicht ruhig ist. Wenn kein einziges Wort fällt. Oder steht. Das einzige, was wichtig ist, ist, mit Ruhe hinschauen, denke ich dann. Und vielleicht stimmt nicht mal das. Vielleicht muss man einfach nur fühlen, wenn es still ist oder wenn es laut ist. Lauschen und du weißt Bescheid. Ich höre gern Worte, ich lese sie gern, ich lehne mich an sie, ich richte mich daran auf, ich stürze mich in sie, ich schwelge darin. Doch es ist ein Irrglaube, alles benötige Worte. Es geht auch ohne, aber das haben wir verlernt: Ruhig zu sein, zu lauschen, zu spüren, zu fühlen. Da bin ich und da bist du. Hallo, schön dich zu fühlen. Das haben wir fast vergessen, wie das geht. Weil es immerzu tönt. Weil es immerzu wortet. Überall. Alles voller Worte. Voller Töne. Dabei sind wir alle voller Melodien. Wenn wir still sind, hören wir uns. Dann hören wir den anderen. Und dann hören wir die Musik, die wir zusammen sind.

 

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aufs schafffell ziehen I

es ist wirklich so. das mit den facetten. und das mit den fenstern ist auch so. und das mit den zimmern. man muss hinein gehen. ganz egal, welches wetter gerade ist. es ist schön, abends, wenn das licht alles weich und warm färbt. und nachts hat es keine farben, aber manchmal wachsen nachts krallen. in den weichen kissen wühlen, fühlen, nach innen, drinnen, den himmel suchen. fluchen. es ist wirklich so. wer zu zweit reist, sieht andere dinge als der, der allein reist. kryptisch zur klarheit kommen und danach burst into tears. fears. wenn ich das beschreiben sollte, es geht kaum. so geht es, aber anders geht es kaum. vielleicht würde ich sagen: nehmen wir mal diesen einen raum. und dann wäre es vielleicht schon nicht mehr richtig. wegen der offenheit. wegen allem. offene worte und verschlossene, geschlossene. es ist da, das ist alles, was ich sagen kann. spürbar. fühlbar. lesbar sicher auch. dazwischen. dahinter. davor und daneben. heben. den schatz. an reimen entlang hangeln. über flüsse gehen, die wie reißende ströme aussehen. sich fürchten. sich fest halten. in sich. schutz suchen. die vögel herein bitten, ihnen futter geben. hast du heute schon eichhörnchen gesehen? gestern sah ich einen fuchs, als ich mit dem fahrrad unterwegs war. es ist da, das ist alles, was ich sagen kann. und es ist, als fielen tücher, vielleicht sind es vorhänge. aber keine verschließenden. schwierig, sagte ich ja schon. offen. das ist, was ich will. hinein gehen, wie in einen garten, in einen park. pflanzen. wachsen. pflanzen. dem wachsen zuhören. sehen. riechen. es duftet. himmelblau. die gedanken sind frisch. wege. wirken. wünschen. ich habs gesehen und würde es wieder erkennen. und vielleicht würde ich sogar den weg im dunkeln finden.

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Hörst du das auch? Erlebnisbericht aus dem Ameisenhaufen

Ameisen husten. Vielleicht wissen das nicht alle, ich weiß das. Weil ich ein spitzenmässiges Gehör habe, aber nicht nur das. Ich kann auch spitzenmässig fühlen und überhaupt bin ich super. Für alle, die es bislang nicht wussten: Jetzt wisst Ihr Bescheid. Geiles Gefühl, oder? Das habe ich mir auch immer gewünscht. Bescheid zu wissen. Nur über was? Über alles. Man muss über alles Bescheid wissen. Sehr witzig. Ja, witzig soll man auch sein. Und sonst noch? Schlank und schön. Jung sicher auch? Natürlich. Schlank, jung und schön. Vielleicht noch gelenkig, sportlich, eloquent. So oder so ähnlich könnte es aussehen. Das Ideal. Ameisen plagen sich nicht damit rum, die haben ganz andere Sorgen. Woher ich das weiß? Weil ich gut hören kann, sagte ich doch schon. Ameisen reden mit mir. Quasi ununterbrochen. Es sei denn, ich sag ihnen, dass sie ihre Goschen halten sollen, das verstehen die, das sind nämlich österreichische Ameisen. Also jedenfalls die meisten. Die anderen, die fragen dann eben und die österreichischen Ameisen helfen gerne weiter. Woher ich das weiß muss ich jetzt aber nicht extra erwähnen nehme ich an. Jedenfalls ist alles Energie. Das ist keine Aussage aus einem Werbeflyer des ortsansässigen Stromanbieters, sondern ein übermässig hochgeistiges Wissen. Woher ich das weiß? Von den Ameisen. Ja, jetzt lachst du. Ich lache auch, weil du nicht zugehört hast. Wen ich meine? Na dich. Meinst du, ich hätte das nicht gesehen? Du hast gerade aus dem Fenster gesehen. Leugnen hilft nicht, du weißt sicher, dass ich meine Informanten habe und wer das ist. Fängt mit A an. Nein, nicht das böse Wort. Was wollte ich erzählen? Dass alles Energie ist, ja genau. Und wenn dann so eine Ameise vor mir steht, ganz gleich woher sie kommt, – ob aus dem Supermarkt oder aus dem Hotelzimmer (ich sag Euch, die machen, was sie wollen. Und leisten können die sich heutzutage auch alles, frag mich nicht wie, aber das krieg ich auch noch raus). Wo war ich? Ach so. Wenn eine Ameise vor mir steht, dann weiß ich Bescheid. Also ich weiß ja sowieso Bescheid, aber wenn eine Ameise vor mir steht, dann weiß ich noch mehr Bescheid. Wie das geht? Frag eine Ameise und halte mich jetzt nicht mit unnötigen Fragen auf. Ich habe eine Mission zu erfüllen und wenn du mich dauernd unterbrichst, dann bricht hier gleich was vom Zaun. Ein Latte Macchiato? So ähnlich, Freundchen, so ähnlich. Spitz es nicht aufs Treiben, sonst knallts hier gleich. Apropos. Alles ist Energie. Wenn du weiterhin hin und her hüpfst, dann schick ich gleich das Ameisen-SEK los. Die fackeln nicht lang! Also, die Energie. Wenn jemand aus Ameisenland vor mir steht, mit oder ohne Frisur, mit oder ohne Hut, also das spielt alles keine Rolle, aber die Energie, die spielt eine Rolle. Und keine untergeordnete. Ich weiß, du hast es nicht so mit der Ordnung, das ist in Ordnung, aber untergeordnet ist das mit der Energie nicht. Das ist vorgeordnet sozusagen und es ist mir scheißegal, ob du das Wort kennst oder nicht! Wird man hier eigentlich dauernd unterbrochen oder was? Was ist das hier überhaupt für ein wilder Ameisenhaufen? Hört auf zu applaudieren! Ach, wisst Ihr was? Ich sag jetzt gar nichts mehr. Keine Energie mehr. Schönen Abend noch. Gruß nach Ameisenhausen. Ameisenhaufen. N Haufen Ameisen hier. N Sch… erzähl ich hier noch. Gor nix. Ich geh jetzt pennen. Macht doch, was Ihr wollt. Macht Ihr doch sowieso. Und ich auch!

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Boden.satz.

Falls du mich irgendwo suchst – ich bin gerade am Boden. (Wolkenbeobachterin)

Etwas größer als einen Zentimeter bin ich schon. Aber nicht viel mehr. Bin geschrumpft in den letzten Tagen und Nächten. Es hat geregnet, Absagen, gleich drei innerhalb eines Monats. Davon eine Persönliche. Schmerzhaft. Sehr. Am Boden bin ich, zerstreut, zerrührt und aufgelöst. Bezeichnend für Zeiten wie diese: Es ist grad niemand da. In den entscheidenden Momenten des Lebens ist man allein. Vielleicht ist das Quatsch und alle haben einfach nur ihr eigenes Leben, ihr eigenes Armageddon. Jeder muss sich auch und besonders um sich selbst kümmern, ich rede wie eine Erklärung. Wegen der Not. Jetzt und immer sowieso ist Selbsthilfe angesagt. Köfferchen aufgeklappt und los. Ich halte meine Hand, stelle mir Fragen, richte mir liebe Sätze aus und hoffe, dass Antworten kommen. Aus mir. Wie es weiter geht, möchte ich wissen. Wie es weiter gehen soll, versuche ich zu ergründen. Ich schicke Wünsche hinaus in die Welt. Wie ein Kind, wie ein Kind hoffe ich. Ich hoffe und wünsche, dass ich meine Hand nicht los lasse. Nicht jetzt. Nicht ich. Ein paar Entscheidungen treffen. Ein paar Erkenntnisse sammeln und eine Vision daraus legen. Erreichbare Ziele setzen: Mal gegen einen Mülleimer treten. An allem kann man scheitern oder wachsen. Sätze am Boden, zum Aufrichten. Die Katzen an meiner Seite schlafen, als wäre nichts geschehen. Vielleicht haben sie recht, aber ich fühle mich miserabel. Die Zeit lassen, sich Zeit lassen, sich Zeit nehmen. Langsam ins Verstehen gehen. Langsam aufsehen. In der Liste der Lieblingsworte steht derzeit eines ganz oben: Vielleicht. Vielleicht mal wieder Aufräumen, vielleicht mal wieder Umräumen, vielleicht mal wieder Aufbäumen. Alles ins richtige Licht rücken. Der Zug des Lebens ist ja nicht abgefahren. Er hat gerade angehalten. Zwischenstation, mal wieder. Zum Auftanken. Zum in-die-Landschaft-gucken. Zum Durchatmen. Ist ja ganz schön hier. Der Himmel trägt ein paar Wolken, ist doch hübsch. Da sehe ich Berge und eine Schlucht. Einen See gibt es auch und das Meer. Und da, unwegsames Gelände. Ein paar andere Menschen sind auch da. Weiter sehen. Aufstehen. Weiter gehen. Es ist nichts Besonderes, was gerade geschieht. Einfach nur das Leben. Mehr nicht.

 

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DAS.

Manchmal ist es schon verwirrend. Es, Mensch. Hier ist ein Mensch, öffne die Tür. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Horch was kommt von draußen rein, Hollahi, Hollaho. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz. Fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn. I feel looking for freedom. Freedom is just another word for nothing left to lose. We carry in our heart the true Country, and that cannot be stolen. So könnt ich stundenlang weiter machen. Sich selbst auf die Spur kommen. Fragen beantworten, Fragen stellen, setzen, legen. Sich ergeben, sich erzürnen, sich ermuntern, sich wundern. Im Miteinander mit anderen, sich selbst er-fahren. Sich selbst erkennen. Sich selbst benennen. Wie heißt du? Was ist dir wichtig? Magst du Ziegenkäse? Oder andere Belanglosigkeiten. Manchmal wirkt es, als wirkten alle. Als wirkten alle etwas verstört. Verstört? Ach so. Ach so, was hattest du gemeint mit? Was hattest du gemein mit? Mir? Wir kennen uns nun schon so lange, findest du nicht, dass es an der Zeit ist, …? Ja, es ist Zeit, es wird Zeit, dass wir … Die Sätze mal zu Ende sprechen, vor denen wir uns am meisten fürchten. Fürchte dich nicht! Doch, fürchte dich. Ich flüchte! Hilfe. Ich sehe einen Menschen gehen. Hey, wo gehen Sie denn hin? Ich bin auf dem Weg in mein eigenes Unglück. One way oder return? Welchen Unterschied macht das schon? Einen gewaltigen. Einen gewaltigen Krach hat es gegeben. Wann denn? Als ich mir zuhörte. War es so schlimm? Es war schlimmer, als ich gedacht habe. Was war denn so schlimm? Dass ich gesagt habe, ich sei glücklich. Danach habe ich mir kein Wort mehr geglaubt. Sind Sie Komiker? Nein, nicht Komiker, aber was ähnliches. Was denn? Mensch. Mensch, da sagen Sie aber was! Ja, ich sage was und Sie sagen nichts. Nichts sage ich, nichts, gar nichts. Ich bin still, wie ein automatischer Bankeinzug. Was kann denn die arme Bank dafür? Sie hat mir im Weg gestanden. Da habe ich die Säge ausgepackt. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen. Alles durchgesägt. Bedeutungen, Bindungen, ein ganzes Stück Leben abgeschnitten und es meistbietend angeboten. Wollte keiner haben. Hatten alle noch selbst genug. Sie machen wohl Witze? Ja, dauernd. Damit ich nicht weinen muss. Sie sind aber sehr durcheinander heute, kann das sein? Ich war noch nie so klar im Kopf. Also gut, wenn Sie so klar sind, dann haben Sie sicher viele Antworten. Ja, viele Antworten, ganz viele. Wollen Sie was wissen? Ja. Okay, dann schießen Sie mal …, nein, schießen Sie nicht. Fragen Sie. Haben Sie Fragen? Und wie ich Fragen habe! Dann los. Fragen Sie nur. Erklären Sie mir das doch mal. Was denn? Na, DAS. Was das? DAS! Ein wenig müssen Sie mir schon helfen … Dauernd will jemand, dass man hilft. Und wenn man dann einen Finger krumm macht, dann sagen Sie: Der Finger ist aber krumm. Also, DAS. Ach so, DAS. Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Wirklich? Nein, aber ich erzähle Ihnen mal was. Gerne. Also DAS, das stimmt wirklich. Wirklich? Ja, es stimmt wirklich. Was jetzt? Na, DAS. Dann ist es also wahr? Ja. Das ist ja toll. Ja. Dann stimmt es also nicht, dass alles Lüge ist? Nein. Beruhigend. Es sei denn, … Ja? Es sei denn, auch das ist eine Lüge. Damit würde alles in sich zusammen stürzen, die komplette Diskussion. Nun ja, es war ja keine richtige Diskussion. Es war ja vielmehr ein …, ein …. Vortrag? Ja, genau. Es war ein Vortrag. Jetzt bin ich genau so schlau wie vorher. So ist es meistens. Außer, dass es sich anders anfühlt. Aber das ist nur ein Gefühl. Ach so, sie meinen ein Gefühl … Ja, ich meine, ein Gefühl ist ein Gefühl. Jetzt wird mir einiges klar. Und mir erst. Das ist das Gute an Feiertagen. Man kann mal so richtig in Ruhe nachdenken und über alles reden. Ja, das stimmt. Auch über DAS. Genau. Besonders über DAS. Beruhigend. Ja, die Unruhe bleibt. Ja. Zum Glück. Ja, zum Glück bleibt die Unruhe.

 

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Summer.time.

Eben ist das Licht ausgegangen. Dann war es wieder hell. Dann wieder dunkel. Hell. Dunkel. Immer noch dunkel. Dunkel. Hell. Was ist das? dachte ich und drückte wieder den Schalter. Dunkel. Hell. Dunkel. Faszinierend! Hell. Dunkel. Hell. Verrückt. Du liest ja immer noch. Dunkel. Hell. Na, machst Du auch manchmal solche lustigen Dinge? Dich wundern? Bestimmt. Eben ist das Licht ausgegangen. Hast Du gesehen? Es ist direkt in den lauen Sommerabend gegangen. Heute Abend grillt es. Summergrillhappyness. Es gibt Menschen, die machen Experimente. Das hier ist keins. Dies ist ein harmloser Text. Der tut nix. Der will nur spielen. Ich werfe mal ein Stückchen Text in die Luft. Lauter luftige, laue, leichte, leise Lieblingsworte. Schau mal, da ist wieder der Mann mit dem Hund. Jeden Tag gehen sie zusammen spazieren. Jeden Tag trägt der Hund denselben Anzug. Und der Mann trägt einen Blumenkranz auf dem Kopf. Sie stehen stundenlang an der Litfaßsäule. Das könnte ich auch. Stundenlang irgendwo stehen, an nichts denken, nicht mal an Hundefutter. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Gestern Abend haben wir im Park gesessen. Es war so schön, warm und es war so so so …, wie wir da zusammen saßen und über unsere Leben sprachen. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Erst fremd, dann wussten wir immer mehr von einander. Ich muss gleich los, hattest du gesagt und warst dann doch noch über eine Stunde geblieben. Hell. Dunkel. Dann haben wir unsere Getränke bezahlt und hatten lauter tanzende Träume in unseren Köpfen, jeder für sich. Hell. Dunkel. Der Mond stand sichelig am Himmel, als wir unsere Fahrräder nach Hause schoben. Ein schöner Abend. Ein wirklich schöner Abend. Und Du hast gesagt, … das verrate ich nicht. Doch. Du  hast gesagt, Du machst manchmal das Licht aus. Und wieder an. Und wieder aus. Und wieder an.

 

 

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