ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Gedicht

erinnerungen

in london fahren
rote busse in straßen
vorbei an bildern
der queen. überall blumen
und die fahnen auf halbmast.

© mp
(sept. 2022)

© mp

dies ist eines meiner ersten tanka-gedichte. es ist nicht das stärkste, aber das macht nichts. ich will euch schon eine weile vom urlaub erzählen, aber irgendwie fließt es nicht so richtig. deshalb nun dieser weg, vielleicht will ja noch mehr erzählen. 🙂

Werbung

mitte oktober

bedeckt vom herbstlaub
sind die berliner straßen
der wind bläst hindurch
fröhlich flattern die blätter
und lachen auf dem gehsteig

© mp

tanka ist eine japanische gedichtform, die ohne reim auskommt. aus ihr sind haiku und senryu entstanden (5-7-5 silben) und ähnlich in der struktur (5-7-5-7-7). bislang hatte ich nur haikus und senryus geschrieben, da ich eher die freien verse liebe und schreibe, aber diese kleine form reizte mich dann doch irgendwann. das ist lange her und nun war ich neugierig auf das tanka. normalerweise geht es in den kleinen gedichten um die natur (haiku und tanka), um besondere momente (und um gefühle im senryu). ich habe das inhaltlich ausgeweitet und in verschiedene thematische richtungen geschrieben, um die form des tanka auszuprobieren. besondere momente gibt es meiner meinung nach nicht nur in der natur da draußen, sondern auch in und mit der natur des menschen. hier habe ich eines ausgewählt, das zur jahreszeit passt. viel freude beim lesen.

gedicht

dies ist kein gedicht
hier stehen nur
ein paar worte herum
die mir aus dem stift
gefallen sind
niemand hat sie
weggeräumt
deshalb stehen sie hier
und tun so
als seien sie
ein gedicht

©mp

irgendwo

irgendwo
vielleicht eine insel
vielleicht im kopf
oder herzinnen
irgendwo
fühlen und denken
irgendwo
ist einer
mir insel
irgendwo
im herzen verinselt
du

©mp

da_sein (gewidmet)

du bist da
& nicht da
ich bin hier
& nicht da
& jetzt
bist du hier
um zu sehn
ob ich da bin
also hier
da bin ich
doch hier
bin ich nicht
ich bin bei dir
der du
nicht da bist
der du nicht
hier bist
bei mir

© mp

 

(25.04.2022)

bewegt

das jahr ist müde
geworden
die tatzen blättern
ausgestreckt & träge
durch die bäume
dann legt es sich
in seinen letzten stunden
behutsam schlafen
ein seufzen geht durch
die leichte winterluft
bald ist es vergangen
es wartet schon
das neue jahr

© mp

eilig

der paketbote war eben da
es liegt noch
die orange
auf dem regal im flur
ich wollte sie ihm schenken
denn die nikoläuse sind alle
er gab mir ein paket
für mich und eines
für meinen nachbarn
ich nahm sie an
stellte sie hin
griff die orange
schaute in den flur
kein mensch zu sehen

© mp

versuche

ich vermisse meine gedichte
es ist wirklich so
die zeit hat meinen worten
den boden unter den füßen.
hier und da der versuch
etwas festzuhalten
ein bild
ein eindruck
ein gefühl
dann verwischt wieder alles
wie im nebelschleier.
doch die worte wollen
und ich lass sie dürfen.
einen anfang machen
ist wichtig
immer wieder.

© mp

wer

wer sieht hin
wer blickt durch
wer sieht was
wer sagt was
wer sagt nichts
wer verfolgt
wer befolgt
wer bedroht
wer erkennt
wer versteht

© mp

samstagmorgen

der neue song von justin bieber
läuft im hintergrund als ich schreibe
neben mir die tasse kaffee
vor dem fenster spaziergänger
und hellblauer himmel
mit verzupften federwolken
arbeitsfrei und ich bin
voller guter ideen
was ich heute machen möchte
meine eigenen maßnahmen treffen
für mich selbst regeln
was und was nicht
an diesem samstagmorgen
ist fast alles gut

© mp

ohne zweifel

frühlingslicht am morgen
über den bäumen
der mond
blass und zart
darunter stimmen
lachen und gebell
singende vögel
unmaskiert
zeigt die natur uns
dass es weiter geht

© mp

nach außen und nach innen

ruh dich aus
wenn du dich müde fühlst
finde deine inseln
die dir kraft spenden
bereise sie
genieße die ruhe
das bei-dir-sein
schone dich
sei gut mit dir und geduldig
du bist es wert
[ich] schicke dir liebevolles
in den raum der du bist

© mp

pfade

der faden
der sich in den tag legt
sich hindurchzieht

der faden
den wir nicht verlieren
wollen

aus unseren augen
der faden
der reißt

und wir
wie ausgefädelt
versuchen

den faden wieder
aufzunehmen
wieder anzuknüpfen

© mp

vielleicht

vielleicht war ich zu früh
vielleicht war ich zu spät
vielleicht war ich zu schnell
vielleicht war ich zu langsam
vielleicht habe ich zu viel gesagt
vielleicht zu wenig
vielleicht war ich zu laut
vielleicht zu leise
vielleicht war ich zu ungenau
oder zu genau
vielleicht war ich zu ungeduldig
vielleicht zu zaghaft
vielleicht war ich an der falschen stelle
vielleicht an der richtigen
vielleicht stimmte die zeit nicht
vielleicht war es der beste zeitpunkt
vielleicht ist es schlimmer als es je war
vielleicht wird es schöner als alles
vielleicht sehe ich nicht klar
vielleicht ist alles gut

© mp

ein gedicht ist arbeit

ein gedicht ist arbeit. mehr oder weniger. arbeit ist es immer, ist die frage, was es kostet. also außer zeit. herzblut vielleicht. sich in etwas vertiefen, das innerlich oder äußerlich ist. es ist immer etwas, das etwas erfordert. dazu gehört nicht nur das sich-hinsetzen, es gehört dazu auch das aufstehen, innen. dies zu beschließen reicht aber noch nicht, man muss noch etwas mehr aufwand betreiben. so wie der sportler sich vorher dehnt und streckt, verhält es sich auch beim dichten. manchmal muss man erst mal die worte locker machen, oder ein thema. weil es vielleicht noch keines gibt. oder eines, das noch nicht greifbar ist. oder gerade nicht sein soll und stattdessen sucht man ein anderes. oder, indem man einfach festhält, was die gegenwart bereithält, was gegenwart ist.
hier jedenfalls ein paar „dehn-und streckübungen auf dem papier“ von einer dichterin, die ich bin. haha. normalerweise bleibt das nur bei mir, für mich behalte ich das, heute mache ich das mal anders. ihr dürft mitlesen, teilhaben, ein kleines bisschen habe ich es bearbeitet, so dass es für mich gut klingt. ich hoffe, es gefällt euch. ich hatte jedenfalls spaß dabei und daran.

I

die vögel singen
was sollten sie sonst auch tun
außer auf dem ast zu sitzen
und dort auszuruhn

© mp

II

die vögel singen
vor allen dingen
früh im chor
uns allen etwas vor
schöne frühlingslieder
es fährt uns in die glieder
jedenfalls den wachen
die schon spaziergang machen
die vögel singen weiter
ohje das wird noch heiter
wenn das den tag so weiter geht
zeigt es dass es auch heiter geht

(dazu ein südwind nordwind weht)

© mp

III

verzeihung dass ich petze
sie schreiben halbe sätze

© mp

IV

was macht ein dichter ohne worte?
er isst ein stückchen apfeltorte.

© mp

V

und vor dem fenster: dauerregen
der bringt ja bekanntlich segen
doch angesichts der wetterlage
bleibt präsent doch eine frage:
gut ein segen doch für wen
das muss man freilich erst verstehn
meint es den landwirt oder bauer
den dichter oder regenschauer

© mp

IX

die menschen hab ich irgendwann verstanden
das kam mir unterwegs jedoch abhanden
nun ist mir diese spezies häufig
mit ihrer art sehr ungeläufig

© mp

X

das glück ist eine große nummer
das gegenteil: der große kummer
da gibt’s noch irgendwas dazwischen.
wenn die vom schicksal beides mischen.

© mp