ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Über das Schreiben

nächtliches gespräch mit borges und fried

borges und fried sitzen vor ihrem bier.
sie unterhalten sich nicht.
ich setze mich dazu.
beide nicken.
ich bestelle mir ein bier.
borges lächelt.
fried sieht in die ferne.
„wie geht es ihnen beiden“, frage ich.
„die berge sind ewige wahrheit“, sagt borges.
„die sterne legen sich darüber wie eine warme decke“, sagt fried.
ich habe tränen in den augen.
mein bier wird gebracht.
ich nehme einen schluck, dann zünde ich mir eine zigarette an.
„ich mag ihre worte“, sage ich zu fried. „ich habe schon viel von ihnen gelesen und lese es immer wieder neu“.
„meine worte sind ihre worte“, sagt er und sieht meinem zigarettenqualm hinterher.
„was kann ein autor anderes tun als sie aufzuschreiben?“, fragt er ins leere.
„schweigen“, sage ich. „herunter schlucken. daran verzweifeln“.
„ja“, nickt er.
„was ist realität als das, was wir darunter verstehen?“, fragt borges. er schreibt gerade an einem neuen gedichtband.
„eben“, sagt fried.
„ich bin müde“, sage ich.
„das geht vorbei“, sagen beide.
„wenn ihr noch mal auf die erde kommt. was wollt ihr dann sein?“ frage ich.
„eine stadt“, sagt borges.
„die grüne garnitur“, sagt fried.
„und du?“ fragen sie aus einem munde.
„eine katze“, sage ich und erwache.

(2012)

© mp

Werbeanzeigen

Von der Sprache

Sprache sind nicht einfach nur Worte. Sprache ist Ausdruck, ist Mitteilen, ist Teilen. In den letzten Monaten ist mir die Sprache irgendwie abhanden gekommen. Nicht, dass ich das Schreiben oder Sprechen verlernt hätte, doch ich habe etwas verloren. Nicht die Worte waren es, es war eine Fähigkeit. Konnte nicht sagen, was ich meinte, trotz zahlreicher Versuche. Versuchte immer wieder, immer wieder, doch es war, als verberge sich die Sprache vor mir und dem, was ich mitzuteilen versuchte. Ich geriet in Schwierigkeiten, in innere Not. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass ich mich nicht zwingen, nicht drängen darf, also ließ ich los, ruhte aus. Und versuchte wieder und wieder. Und scheiterte, wieder und wieder. Es wurde mir manches klar auch in diesem Scheitern. Obgleich manches klar war, fanden die Worte und das Unausgesprochene nicht zueinander. Ein Dilemma. Ein schmerzhaftes Dilemma, das ich nur kleinschrittig lösen konnte. Vielleicht ist manchmal Stillsein die Beste aller möglichen Antworten. Manches muss sich vielleicht erst Setzen, wie aufgewirbelter Sand auf dem Meeresgrund. Das Zeichnen hat im Moment das Schreiben eingeholt. Nun sitze ich bei geöffnetem Fenster und sehe draußen die Sonne. Vögel, die durch die Frühlingsluft fliegen. Den blauen Himmel. Keine Wolken. Alles strahlt, alles ist hell, ich will zuversichtlich sein. Die Worte und ich, wir werden wieder zueinander finden. Irgendwann wird sich die Türe wieder öffnen, auch zu den Bereichen, die sich noch nicht mit Worten verbinden können. Die verwundeten Stellen. Ich weiß, dass Worte Ungutes bewirken können, wie auch Gutes. Auch, dass das Schweigen Ungutes bewirken kann, wie auch Gutes. Es braucht alles Zeit. Zeit zum Reifen, Zeit zum Wachsen, Zeit zu verstehen, zu erkennen und das Erkannte umzusetzen. Ich will geduldig sein und hoffe, dass andere geduldig mit mir sind, die mein Schweigen, wie auch mein Sprechen berührt und bewegt. Auch diese Seite kenne ich, dem Schweigen ausgesetzt sein. Manchmal habe ich es persönlich genommen, war es manchmal vielleicht auch. Inzwischen weiß ich, dass aber auch der andere leidet, wenn er bewegt ist und sich nicht mitteilen kann.

© mp

Regenseufzer, sinnlich

Ich kann gerade nicht weiter lesen und muss davon erzählen, noch ein wenig versunken darin und ganz erfüllt davon. Der Leser möge mir meine schwelgenden Ausführungen verzeihen und selbst den norwegischen Schriftsteller lesen.
Bergeners, das sind die Bewohner von Bergen, der regenreichsten Stadt Europas, es ist die Heimat-Stadt von Tomas Espedal. In der gleichnamigen Erzählung beschreibt er, nach kurzer Skizzierung des rauchenden Protagonisten, den Regen, in den sich die Hauptfigur begibt, den kommenden, fallenden Regen.
Wenn Tomas Espedal etwas beschreibt, ist es nicht einfach eine Beschreibung, es ist eine sinnliche Erfahrung. Ich lese die Worte, sehe und spüre das Fallen der Tropfen, spüre, wie der Regen in der Luft tanzt, wie die Tropfen in langen, weich gezogenen Linien ästhetisch vom Himmel fallen, sie stürzen nicht, sie fallen und verbinden sich mit anderen Tropfen, werden zu Blumen, tanzen in der Luft, werden hierhin, dorthin getragen vom Wind, der luftigen Begleitung des Wassertanzes.
Ich staune, lese, betrachte und genieße den Regen, seinen Regen, spüre ihn auf meiner Haut, der Regen fällt und ich lese jeden einzelnen Tropfen, das stimmt nicht, ich lese nicht, ich spüre, ich bin im Regen, werde zum Regen, ich bin die Erde, lasse die Tropfen auf mich fallen, werde eins mit den sinnlichen Beschreibungen.
Ich folge dem Schriftsteller, stehe neben ihm, höre ihn atmen und sprechen durch seine Worte und sein Schweigen. Ich bin der Wind, er ist der Regenschauer, der in mich schreibt, seine Worte beginnen mit meinen zu tanzen. Hier bin ich, hier will ich sein, ich genieße es, ich stehe im Regen und will gerade nirgends anders sein, als im Regen von Tomas Espedal. Ich bin erfüllt, inspiriert und beginne den Regen wie Sternenstaub in mir zu sammeln. Lesen in Selbstvergessenheit, abtauchen, ein Bad in der Sprache eines anderen nehmen, ein Zwiegespräch mit einem Schriftsteller halten, das ist das Lesen von Tomas Espedal für mich. Ich kann einfach nicht genug davon bekommen. Es ist jedes Mal eine neue, bereichernde und inspirierende Erfahrung.

© mp

tomas espedal

23.696

Hallo Ihr Lieben, der November ist der Nanowrimo-Monat. Sagt Euch nix? Also: Jedes Jahr im November schreibt man, mit Menschen aus der ganzen Welt, innerhalb von 4 Wochen, an einem eigenen Roman, und zwar ist das Ziel: 50.000 Worte in diesen vier Wochen. Diese geschriebene Fassung wird natürlich nur eine erste sein, da Romane bekanntlich (wie andere Texte auch) Überarbeitung brauchen. Jedenfalls – am 01. November ist der Nanowrimo gestartet und bislang bin ich bei 23.696 Worten (Stand: Gestern Abend). Es ist eine spannende Reise, dieses Schreiben auf Zeit, es macht viel Spaß, zwischendurch habe ich einen Tag Ruhepause eingelegt. Es ist jedes Mal so, dass ich eine Menge lerne während dieses Prozesses. Schreibt noch jemand mit?  Wie sind Eure Erfahrungen? Wie kommt Ihr voran?

Akzeptanz der Stille

Manchmal gibt es nichts zu sagen, da gibt es dann auch nichts zu schreiben. Das ist zu akzeptieren. Die Stille dient der Erholung, Reflexion und inneren Sammlung. Wie der Körper Schlaf braucht, um wieder gestärkt in den Tag zu gehen, verhält es sich auch mit dem Geist und der Kreativität. Man darf nichts erzwingen.

© mp

Ein ausgeschlafener Text

Dieser Text. Er ist gelassen, mault nicht, klagt nicht. Er hat die Ruhe weg. Während andere Texte sich in Papierkörbe stürzen, sitzt dieser Text einfach entspannt da. Er hat eine Blume im Haar, ist friedlich und freundlich, hat sich die Haare gewaschen und ist früher als sonst aufgestanden. Er hat niemanden angerufen und in keinem Lexikon geblättert, aber in zwei Gedichtbänden hat er gelesen, die seine inneren Buchstaben und Worte berührt und bewegt haben. Kurt Aebli und Lydia Daher. Mit poetischen Gedanken war der Text am Abend zuvor eingeschlummert, hatte himmelblau und wolkenschön geträumt und als er am Morgen erwachte, rieb er alle harten Worte aus den Sätzen, schob die Müdigkeit beiseite, zog ein paar zarte Worte hervor und begann sich aufzuschreiben. Es war ihm noch etwas verträumt zumute. Es war, als liefen die Worte auf einer Wattespur. Der Text sah zum Himmel, sah die Sonne und nickte. Dann ging er zum See, hielt einen Fuß ins Wasser, sagte: “Brrrrr”. Das Wasser platschte. „Heute werde ich nicht schwimmen“, dachte der Text. Er ging zurück nach Hause, legte sich gemütlich ins Bett und wärmte sich die Füße. Er knipste das Licht aus und dachte an Gedichte. „Vielleicht werde ich mal eins werden?“ Ach, es hatte ja alles seine Zeit. Der Text war einfach entspannt, kuschelte sich in eine warme Decke, schloss die Augen und schlief ein. Am nächsten Morgen streckte er sich und machte eine halbe Stunde lang Yoga. Danach ließ er sich lesen und lächelte.

© mp