ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Chronik einer unangekündigten Belagerung

Dienstag, 14 Uhr, Berlin. In Windeseile radle ich zur Arbeit und komme pünktlich an. Keine zwei Stunden später spüre ich: Da ist etwas. Im Anmarsch. In mir. Ich nieste. Die Nase lief. Schüttelfrost. Schwächegefühl. Kopf- und Gliederschmerzen. Irgendwas kroch unaufhaltsam durch meinen Körper. Um 16 Uhr hatte es mich bereits umzingelt und gänzlich eingenommen: Ich hatte kalte Hände, das Gefühl halb zu schlafen, halb anwesend zu sein und ein aufdringliches Pfeifen in den Ohren. Ich hörte nicht mehr auf zu niesen, mein Körper war Schmerzgebiet, der Kopf war auf Halbmast.
Ein Kollege fragte, ob er mir grünen Tee anbieten dürfe. „Könnte helfen. Schmeckt aber nicht jedem“, warnte er vor. „Gerne“, sagte ich und zehn Minuten später stand er mit dem dampfenden Tee in der Tür. Ich probierte. „Und?“, wollte er wissen. „Ich habe jetzt auch kein Geschmacksempfinden mehr“, sagte ich, „den nehm ich gern, danke“.
Irgendwie stand ich den Tag durch. Es ging mir bescheiden.
In der Nacht traf mich alles in potenzierter Form: Niesen, Schüttelfrost, kalte Hände, dröhnende Glieder-und Kopfschmerzen, laufende Nase. Hitze. Kälte.
Am nächsten Morgen meldete ich mich krank, schleppte mich zum Arzt und legte mich anschließend ins Bett.
Ich schlief ungefähr 22 Stunden. In den Wachzeiten: Katzen versorgen, zur Toilette, bei jeder Bewegung „Oh Gott“, sagen, wieder hinlegen und weiter schlafen.
Das ging den nächsten Tag so weiter. 17 Stunden geschlafen. Ich hatte jetzt auch noch Husten dazu bekommen.
Den Tag danach 14 Stunden.
Heute ist Freitag. Ich war draußen und bin spazieren gegangen an der frischen Luft. Im Supermarkt habe ich grünen Tee gekauft. Ich habe mich inzwischen auf 11 Stunden Tagesschlafpensum runtergeschlafen und bin so gut wie neu. Der Husten ist fast weg. Der Schüttelfrost hat aufgehört. Das Niesen auch. Der Kopf ist noch nicht ganz wieder da aber fast. Ich spüre langsam wieder Kraft im Körper. Nach vier Tagen geht es mir endlich wieder etwas besser.

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the look

male II

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…….

male

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Gretaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

herbstluft

tomas espedal in berlin

das erste mal
sehe ich ihn zufällig
im vorraum zur lesung
er huscht vorbei an mir
im letzten moment
sehe ich ihn
aus dem augenwinkel
mit zerknittertem haar & mantel
geht er mit zwei männern
an mir vorbei

ich freue mich auf die lesung
doch ich muss warten
eine halbe stunde noch

dann öffnet sich die türe zum saal
der wie der vorlesungssaal einer universität aussieht
mit den vielen treppenstufen & stühlen
mit dunkelbraun gemaserten holzwänden
zementgrauem boden
& unten zwei tische für tomas espedal & seine begleiter

es geht ein stimmengewirr durch den raum
ich setze mich in die erste reihe
elke heidenreich sitzt drei stühle von mir entfernt
gleich geht es los

doch es geht anders als gedacht
die mikros funktionieren nicht
alle sollen näher kommen
um besser zu hören
ich sitze in der ersten reihe
ich sitze gut
besser kann ich gar nicht sitzen
ich habe den besten platz
& platze gleich
vor freude

tomas espedal sitzt direkt vor mir
nur ein paar schritte entfernt
mit zerwuscheltem haar
er spricht lächelnd

mit seinem übersetzer hinrich schmidt-henkel
der eröffnet den abend
mit vielen fragen

tomas espedal antwortet er spricht
über sein neues buch „das jahr“
& vom dichter petrarca erzählt er
der ihn inspiriert hat
über die ewige liebe nachzudenken
die er sucht & vermisst
doch so sagt er es nicht
so verstehe ich es

tomas espedal spricht leise
als wäre er alleine oder mit einem guten freund
ganz ruhig
mit angenehmer stimme
er ist ganz bei sich
hellwach
sortiert er die worte
vor seinem mund

er schreibt seine romane nicht am computer
er schreibt sie in hefte
krakelig mit der hand auf linienpapier
seine worte prägen sich immer tiefer ein

er erzählt mehr vom italiener petrarca & dessen liebe
zur sehr jungen laura
er liebte keine andere
so wie sie
& später wurde ihm der prozess gemacht
abgeschnitten wurde ihm die männlichkeit

wie bei mir sagt tomas espedal
wie bei mir
bis auf das mit der abgeschnittenen männlichkeit
& dann wird er rot übers ganze gesicht
& beginnt zu lachen
der ganze saal lacht mit
diesem roten lachenden gesicht

ich sitze in der ersten reihe
& tomas espedal nimmt sein neues buch
das gespickt ist mit zetteln
er blättert & beginnt zu lesen

es ist ein roman doch er ist geschrieben
wie ein gedicht & tomas espedal liest
mit ruhiger schöner stimme
in einer sprache die ich nicht kenne
der klang berührt mich
& er liest bis zum ende der seite

dann übernimmt frank arnold
sprecher & schauspieler
ich denke erst: warum
der muss doch nicht
doch ich irre mich
er liest die übersetzte fassung
& seine stimme geht sacht über die worte
setzt gekonnt pausen & liest weiter

es ist als lege sich
eine warme beruhigende decke
auf das publikum
es ist kein geräusch zu hören
nur diese stimme
die mit den worten von tomas espedal zaubert

dann ist er am ende der textstelle
das publikum ist noch ganz eingenommen
plötzlich bricht ein applaus los
auch tomas espedal applaudiert

dieser mann kann ihn mit einer zärtlichkeit lesen
die berührt & umfängt
frank arnold übersetzt jedes wort
& jede pause
in emotion

es folgt eine weitere textstelle
die zu lesen ist & jemand schlägt vor
dass zuerst der deutsche text gelesen werden soll
frank arnold liest wieder
mit dieser angenehmen stimme
es breitet sich etwas friedliches aus
das ganz tief geht
ich bin so berührt von tomas espedals worten
& der interpretation durch frank arnold
ich möchte das ganze buch von ihm vorgelesen bekommen
es ist so schön
es hört nicht auf schön zu sein
dann wird es wieder still

& wieder dieser moment der absoluten ruhe im raum
dann bricht der applaus wie eine welle durch die stille
auch tomas espedal klatscht & sagt:
ich werde nicht mehr lesen
das war so großartig
ich danke ihnen

ich verstehe was er meint
das gelesene legt etwas wundervolles
zu den worten von tomas espedal
er möchte es nicht zerstören

& jemand sagt:
wenn sie bücher signieren lassen wollen
können sie das oben machen lassen
am tisch neben dem büchertisch
ich will

& gehe langsam die stufen hinauf
ich bin so glücklich
diesen abend erlebt zu haben
gleich lasse ich mir die bücher signieren
alle fünf & das neue noch dazu
ich reihe mich ein in die schlange der wartenden

tomas espedal setzt sich an den tisch um zu signieren
& er beginnt mit ruhiger stimme
mit den besuchern zu sprechen
dann kritzelt er mit seinem kugelschreiber widmungen ins buch
ich bin gleich an der reihe
spreche kurz mit den frauen hinter & vor mir
dann bin ich auch schon dran

ich muss sprechen er fragt mich
nach meinem namen

er schreibt in mein buch
er schreibt ein paar worte & meinen namen hinein
in das erste
das zweite
das dritte
das vierte das fünfte & das neue buch
dann schaut er mich freundlich an

ich möchte noch etwas
sagen ich
ach
ich
stolpere ins englische
bedanke mich
& spreche
als wäre ich jemand anders

er sagt: ich danke dir und lächelt
ich lächle zurück & nehme meine bücher
& drehe mich im weggehen noch einmal um

 

© mp

(september 2019)

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nur noch dreieinhalb stunden

hallo ihr lieben, heute ist es soweit! der tag des geheimnisses. nein, der tag der lüftung! nein, auch nicht. heute wird das geheimnis gelüftet! jawohl! es flattert im wind und ich lasse es frei! also, worum geht’s? es geht um literatur. das 19. internationale literaturfestival berlin hat die artweek 2019 abgelöst. und jetzt kommts … wer ist dabei? ja ich. also als zuschauerin, als zuhörerin. und wer sonst noch so? wer liest? *trommelwirbel*

TOMAS ESPEDAL!

watt? WER? tomas espedal! einer meiner lieblingsschriftsteller von dem ich alle ins deutsche übersetzte bücher gekauft und gelesen habe. ich raste aus vor freude! wer hätte das gedacht?! also nicht, dass ich vor freude ausraste, sondern dass ich zufällig kürzlich ins programmheft schaute, blätterte und blätterte und auf einmal sah ich den namen! in gottes namen, was war da los? da war was los! also hier in der stadt und in mir! diese unglaubliche freude! im internet versuchte ich dann ein ticket zu bekommen, hätte dafür aber ein ca. 25-seitiges pamphlet durchlesen müssen, in dem ich erkläre, dass ich damit einverstanden bin, dass die ticketverkäuferfirma information einholen darf, ob ich bei trost kasse bin! also flüssig. überflüssig zu erwähnen, dass ich das bei einer summe von ACHT euro etwas übertrieben finde. natürlich hätte ich den test bestanden, aber ich wollte nicht 25 seiten lesen, was ich denen damit alles noch erlaube und so weiter. also fuhr ich zum museum, wo die lesung stattfindet. dort erfuhr ich, dass dort keine tickets verkauft wurden. ich solle mich an den anbieter wenden. den aus dem internet. hmpf. flott bekam ich das infozettelchen rübergereicht, was ich aber gar nicht haben wollte! ich will das nicht online machen, sagte ich fest. da können sie anrufen, sagte die frau. auf dem zettel steht auch eine telefonnummer. das tat ich einen tag später. am telefon war eine freundliche österreicherin. ihr sagte ich, dass ich nicht 25 seiten lesen und unterschreiben möchte, sondern nur das ticket für 8 euro kaufen möchte. sie: es gibt da eine website, da können sie das ticket kaufen. ich sagte: ICH WILL DAS NICHT ONLINE MACHEN! sie: sie können auch das ticket in einer unserer angebundenen verkaufsstellen kaufen. (aha, so einfach, warum nicht gleich so?) würden sie bitte für mich schauen? bat ich sie. sie fand es nicht auf der webseite. dann fand sie es doch, teilte mir den laden mit und ich radelte zur verkaufsstelle, die vier straßen weiter ist. dort gab es reichlich tickets für rock-und popkonzerte. auf literaturfestival war man noch nicht eingestellt. es war nicht so leicht ein ticket zu bekommen, was zum teil auch daran lag, dass man die tickets nicht unter dem datum abgespeichert und sortiert hatte, sondern nur unter dem namen der veranstaltung. super system, finde ich. ich versuchte es mit dem namen: tomas espedal. wie? fragte er. ES-PE-DAL, wiederholte ich ruhig. espenlaub? ja ja, selten so gelacht. dann fiel mir der titel seines neuen buches ein: das jahr. und siehe da, so war das ticket auffindbar im computer. er druckte es also aus: hier, ihr espendahl, sagte der verkäufer. ich geb dir gleich espendahl sagte ich und nahm ihm das ticket ab, warf 8 euro auf die theke und verschwand hinter wehenden fahnen. na gut, es war weniger dramatisch, gebe ich zu. wir haben zusammen über den ollen witz gelacht, ich hab das ticket eingesteckt, bezahlt und dann bin ich mit dem fahrrad nach hause gefahren. ÜBERGLÜCKLICH, dass ich dieses ticket bekommen hatte. ja, und das ist heute abend. die lesung seines neuen buches. ich freu mich riesig und hoffe, ich erwische einen anständigen sitzplatz.

wer tomas espedal ist? ich schrieb über ihn bzw. seine literatur, hier:

https://stadtzottel.wordpress.com/2018/10/29/tomas-espedal/

https://stadtzottel.wordpress.com/2018/11/17/regenseufzer-sinnlich/

https://lesezeichenblog.wordpress.com/2019/02/18/gehen-mit-tomas-espedal/

© mp

 

noch da

       

nur noch zwei tage

nur noch drei tage

Mike

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wanderer

Kevork Mourad

Kevork Mourad ist ein in New York lebender syrischer (Performance-)Künstler. Derzeit stellt er, im Rahmen der Artweek Berlin 2019, graphische Skulpturen, Zeichnungen und (Acryl-)Bilder, in Berlin unter dem Titel „Fears and dreams“, aus. Aber nur noch für ein paar Tage, nämlich bis zum 15. September, also kommenden Sonntag. Ich möchte allen, die derzeit oder demnächst in Berlin sind, unbedingt diese kleine, feine Ausstellung empfehlen. Bislang kannte ich die Kuchling-Galerie in Friedrichshain nicht, doch das hat sich seit Ende letzter Woche geändert. In den zweieinhalb hellen weiß getünchten Ausstellungsräumen, kann man sich in Ruhe die Bilder des großartigen Künstlers anschauen. Einerseits besteht die Ausstellung aus Bildern in schwarz-weiß, (siehe Video) und aus einigen sehr schönen, collagenartigen großen Bildern (etwa 90 x 90) und einer sehr großen graphischen Skulptur. Auf Fotos sehen die Bilder schon toll aus, doch sie sind umso beeindruckender, wenn man sie sich live und in Farbe anschaut. Weil ich nicht weiß, ob es erlaubt ist, Fotos der Ausstellung zu veröffentlichen, beschränke ich mich hier auf das Video und den Link zu seiner Instagram-Seite. Viel Spaß! Und sollte jemand hingehen, freue ich mich über Rückmeldung, ob und wie es Euch gefallen hat.

Galerie Kuchling, Karl-Marx-Allee 123, 10243 Berlin

Home


https://www.art-in-berlin.de/ausstellungs-text.php?id=11768


(Weitere Videos zu ihm und seiner Performance mit dem Musiker Kinan Azmeh bei Yout.)

https://www.instagram.com/kevork_mo/?hl=de