ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Monat: Juni, 2014

Sprechen Sie Türkisch?

Seit gerade eben, ist mein Blog auf Türkisch umgestellt, dabei habe ich nichts weiter gemacht, als mich Einzuloggen. Wenigstens ist mein Blogname noch derselbe, ansonsten steht da alles in einer mir wenig bekannten Sprache. Beispiele gefällig? Vielleicht möchte ja jemand türkisch lernen? Lektion eins: 2 Yorum heißt, so vermute ich: Zwei Antworten. Paylaşım butonlarını göster. Das hat mit der Reblog-Funktion zu tun, wenn ich das richtig erinnere. Denn es ist so, dass ich mich lediglich daran orientiere, woran ich mich erinnere: „Wo war welcher Button? Welche Funktion?“ Jedenfalls, das Lustige an dem hier ist, dass ich erst gestern Abend jemandem sagte, ich sei noch mit Neuorientierung beschäftigt. Dass ich jetzt Türkisch lernen sollte ist also ein Wink des Schicksals? Dahin geht die Reise? Oder ist es ein Fehler von WordPress? Wie ist es für Euch, wenn Ihr die blogüblichen Angaben lest? Stehen die da auf Deutsch oder auf Türkisch? Was muss ich denn nun Anklicken zum Posten? Oh man. Ah, Yayinla. Zum Glück ist der Button grün, ansonsten rufe ich mir wohl besser ein Wörterbuch auf. Ich würde Euch ja nun gern einen schönen Tag auf Türkisch wünschen, aber so weit bin ich noch nicht. …. Ah. Einfach posten geht anscheinend auch nicht. Da erscheint diese Meldung:

 

Diese Webseite ist nicht verfügbar

Die Webseite unter https://stadtzottel.tr.wordpress.com/2014/06/30/sprechen-sie-turkisch/?postpost=v2#content ist möglicherweise vorübergehend nicht erreichbar oder wurde dauerhaft auf eine neue Webadresse verschoben.
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Edit zwei: Und jetzt ist wieder alles in Deutsch? Ich nix capito. Hat sonst noch wer von Euch technische Probleme mit der (= Eurer) Web-/Blogsite hier?
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„Phantasie ist etwas, das sich manche Menschen gar nicht vorstellen können.“

(G. Laub)

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

The Fault in Our Stars (John Green)

Im letzten Jahr habe ich den Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green gelesen. Ein Buch, das aus Sicht der 16jährigen Hazel Grace, krebskrank, erzählt wird. Hazel Grace ist Einzelkind, lebt mit ihren Eltern in Amerika und hat beschlossen, sich zurück zu ziehen von allem, soweit möglich. Es gibt ein Buch, „Ein herrschaftliches Leiden“ von Peter van Houten, das sie immer wieder liest. Die Geschichte fasziniert sie, wie die Personen darin. Hazel Grace‘ Mutter möchte, dass ihre Tochter glücklich ist und Freunde um sich hat. Deshalb bringt sie sie zu einer Selbsthilfegruppe, der sich Hazel nur widerwillig anschließt. Eines Tages taucht dort Augustus Waters auf, den alle „Gus“ nennen, der gekommen ist, um einen Freund zu begleiten. Gus‘ hatte auch Krebs, Knochenkrebs, und dadurch ein Bein verloren. Er und Hazel freunden sich an und eine innige Bindung entsteht, in der beide sich einander nach und nach öffnen, ihre Lieblingsbücher austauschen, diskutieren, Filme sehen, Zeit miteinander verbringen. Hazel genießt die Zeit, beschließt schließlich, sich von Gus zurück zu ziehen, da sie sterben wird. Sie möchte, dass er sie vergisst und möchte ihn vergessen, doch es gelingt nicht. Die beiden finden wieder zueinander, und beschließen nicht nur, Freunde zu sein, sondern auch der Einladung des Schriftstellers van Houten nach Holland zu folgen, doch dann erleidet Hazel plötzlich eine Lungenentzündung und die Ärzte raten vom Besuch in den Niederlanden ab. Mehr  möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, aber ich möchte eine Empfehlung aussprechen: Sowohl für das großartig geschriebene Buch, als auch für die filmische Umsetzung dazu. Unbedingt ansehen! Unbedingt lesen! Und: Taschentücher nicht vergessen.

 

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© mp

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“Die Liebe ist ein Erleben des anderen in der eigenen Seele. „

(Rudolf Steiner)

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i.think.of.you.

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„Schreiben heißt, sich selber zu lesen.“ 

(Max Frisch)

Boden.satz.

Falls du mich irgendwo suchst – ich bin gerade am Boden. (Wolkenbeobachterin)

Etwas größer als einen Zentimeter bin ich schon. Aber nicht viel mehr. Bin geschrumpft in den letzten Tagen und Nächten. Es hat geregnet, Absagen, gleich drei innerhalb eines Monats. Davon eine Persönliche. Schmerzhaft. Sehr. Am Boden bin ich, zerstreut, zerrührt und aufgelöst. Bezeichnend für Zeiten wie diese: Es ist grad niemand da. In den entscheidenden Momenten des Lebens ist man allein. Vielleicht ist das Quatsch und alle haben einfach nur ihr eigenes Leben, ihr eigenes Armageddon. Jeder muss sich auch und besonders um sich selbst kümmern, ich rede wie eine Erklärung. Wegen der Not. Jetzt und immer sowieso ist Selbsthilfe angesagt. Köfferchen aufgeklappt und los. Ich halte meine Hand, stelle mir Fragen, richte mir liebe Sätze aus und hoffe, dass Antworten kommen. Aus mir. Wie es weiter geht, möchte ich wissen. Wie es weiter gehen soll, versuche ich zu ergründen. Ich schicke Wünsche hinaus in die Welt. Wie ein Kind, wie ein Kind hoffe ich. Ich hoffe und wünsche, dass ich meine Hand nicht los lasse. Nicht jetzt. Nicht ich. Ein paar Entscheidungen treffen. Ein paar Erkenntnisse sammeln und eine Vision daraus legen. Erreichbare Ziele setzen: Mal gegen einen Mülleimer treten. An allem kann man scheitern oder wachsen. Sätze am Boden, zum Aufrichten. Die Katzen an meiner Seite schlafen, als wäre nichts geschehen. Vielleicht haben sie recht, aber ich fühle mich miserabel. Die Zeit lassen, sich Zeit lassen, sich Zeit nehmen. Langsam ins Verstehen gehen. Langsam aufsehen. In der Liste der Lieblingsworte steht derzeit eines ganz oben: Vielleicht. Vielleicht mal wieder Aufräumen, vielleicht mal wieder Umräumen, vielleicht mal wieder Aufbäumen. Alles ins richtige Licht rücken. Der Zug des Lebens ist ja nicht abgefahren. Er hat gerade angehalten. Zwischenstation, mal wieder. Zum Auftanken. Zum in-die-Landschaft-gucken. Zum Durchatmen. Ist ja ganz schön hier. Der Himmel trägt ein paar Wolken, ist doch hübsch. Da sehe ich Berge und eine Schlucht. Einen See gibt es auch und das Meer. Und da, unwegsames Gelände. Ein paar andere Menschen sind auch da. Weiter sehen. Aufstehen. Weiter gehen. Es ist nichts Besonderes, was gerade geschieht. Einfach nur das Leben. Mehr nicht.

 

© mp

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Je stiller du bist, umso mehr kannst du hören.  (chinesische Weisheit)

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Der.Mann.im.Mond.

I.heard.it.

DAS.

Manchmal ist es schon verwirrend. Es, Mensch. Hier ist ein Mensch, öffne die Tür. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Horch was kommt von draußen rein, Hollahi, Hollaho. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz. Fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn. I feel looking for freedom. Freedom is just another word for nothing left to lose. We carry in our heart the true Country, and that cannot be stolen. So könnt ich stundenlang weiter machen. Sich selbst auf die Spur kommen. Fragen beantworten, Fragen stellen, setzen, legen. Sich ergeben, sich erzürnen, sich ermuntern, sich wundern. Im Miteinander mit anderen, sich selbst er-fahren. Sich selbst erkennen. Sich selbst benennen. Wie heißt du? Was ist dir wichtig? Magst du Ziegenkäse? Oder andere Belanglosigkeiten. Manchmal wirkt es, als wirkten alle. Als wirkten alle etwas verstört. Verstört? Ach so. Ach so, was hattest du gemeint mit? Was hattest du gemein mit? Mir? Wir kennen uns nun schon so lange, findest du nicht, dass es an der Zeit ist, …? Ja, es ist Zeit, es wird Zeit, dass wir … Die Sätze mal zu Ende sprechen, vor denen wir uns am meisten fürchten. Fürchte dich nicht! Doch, fürchte dich. Ich flüchte! Hilfe. Ich sehe einen Menschen gehen. Hey, wo gehen Sie denn hin? Ich bin auf dem Weg in mein eigenes Unglück. One way oder return? Welchen Unterschied macht das schon? Einen gewaltigen. Einen gewaltigen Krach hat es gegeben. Wann denn? Als ich mir zuhörte. War es so schlimm? Es war schlimmer, als ich gedacht habe. Was war denn so schlimm? Dass ich gesagt habe, ich sei glücklich. Danach habe ich mir kein Wort mehr geglaubt. Sind Sie Komiker? Nein, nicht Komiker, aber was ähnliches. Was denn? Mensch. Mensch, da sagen Sie aber was! Ja, ich sage was und Sie sagen nichts. Nichts sage ich, nichts, gar nichts. Ich bin still, wie ein automatischer Bankeinzug. Was kann denn die arme Bank dafür? Sie hat mir im Weg gestanden. Da habe ich die Säge ausgepackt. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen. Alles durchgesägt. Bedeutungen, Bindungen, ein ganzes Stück Leben abgeschnitten und es meistbietend angeboten. Wollte keiner haben. Hatten alle noch selbst genug. Sie machen wohl Witze? Ja, dauernd. Damit ich nicht weinen muss. Sie sind aber sehr durcheinander heute, kann das sein? Ich war noch nie so klar im Kopf. Also gut, wenn Sie so klar sind, dann haben Sie sicher viele Antworten. Ja, viele Antworten, ganz viele. Wollen Sie was wissen? Ja. Okay, dann schießen Sie mal …, nein, schießen Sie nicht. Fragen Sie. Haben Sie Fragen? Und wie ich Fragen habe! Dann los. Fragen Sie nur. Erklären Sie mir das doch mal. Was denn? Na, DAS. Was das? DAS! Ein wenig müssen Sie mir schon helfen … Dauernd will jemand, dass man hilft. Und wenn man dann einen Finger krumm macht, dann sagen Sie: Der Finger ist aber krumm. Also, DAS. Ach so, DAS. Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Wirklich? Nein, aber ich erzähle Ihnen mal was. Gerne. Also DAS, das stimmt wirklich. Wirklich? Ja, es stimmt wirklich. Was jetzt? Na, DAS. Dann ist es also wahr? Ja. Das ist ja toll. Ja. Dann stimmt es also nicht, dass alles Lüge ist? Nein. Beruhigend. Es sei denn, … Ja? Es sei denn, auch das ist eine Lüge. Damit würde alles in sich zusammen stürzen, die komplette Diskussion. Nun ja, es war ja keine richtige Diskussion. Es war ja vielmehr ein …, ein …. Vortrag? Ja, genau. Es war ein Vortrag. Jetzt bin ich genau so schlau wie vorher. So ist es meistens. Außer, dass es sich anders anfühlt. Aber das ist nur ein Gefühl. Ach so, sie meinen ein Gefühl … Ja, ich meine, ein Gefühl ist ein Gefühl. Jetzt wird mir einiges klar. Und mir erst. Das ist das Gute an Feiertagen. Man kann mal so richtig in Ruhe nachdenken und über alles reden. Ja, das stimmt. Auch über DAS. Genau. Besonders über DAS. Beruhigend. Ja, die Unruhe bleibt. Ja. Zum Glück. Ja, zum Glück bleibt die Unruhe.

 

© mp

Summer.time.

Eben ist das Licht ausgegangen. Dann war es wieder hell. Dann wieder dunkel. Hell. Dunkel. Immer noch dunkel. Dunkel. Hell. Was ist das? dachte ich und drückte wieder den Schalter. Dunkel. Hell. Dunkel. Faszinierend! Hell. Dunkel. Hell. Verrückt. Du liest ja immer noch. Dunkel. Hell. Na, machst Du auch manchmal solche lustigen Dinge? Dich wundern? Bestimmt. Eben ist das Licht ausgegangen. Hast Du gesehen? Es ist direkt in den lauen Sommerabend gegangen. Heute Abend grillt es. Summergrillhappyness. Es gibt Menschen, die machen Experimente. Das hier ist keins. Dies ist ein harmloser Text. Der tut nix. Der will nur spielen. Ich werfe mal ein Stückchen Text in die Luft. Lauter luftige, laue, leichte, leise Lieblingsworte. Schau mal, da ist wieder der Mann mit dem Hund. Jeden Tag gehen sie zusammen spazieren. Jeden Tag trägt der Hund denselben Anzug. Und der Mann trägt einen Blumenkranz auf dem Kopf. Sie stehen stundenlang an der Litfaßsäule. Das könnte ich auch. Stundenlang irgendwo stehen, an nichts denken, nicht mal an Hundefutter. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Gestern Abend haben wir im Park gesessen. Es war so schön, warm und es war so so so …, wie wir da zusammen saßen und über unsere Leben sprachen. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Erst fremd, dann wussten wir immer mehr von einander. Ich muss gleich los, hattest du gesagt und warst dann doch noch über eine Stunde geblieben. Hell. Dunkel. Dann haben wir unsere Getränke bezahlt und hatten lauter tanzende Träume in unseren Köpfen, jeder für sich. Hell. Dunkel. Der Mond stand sichelig am Himmel, als wir unsere Fahrräder nach Hause schoben. Ein schöner Abend. Ein wirklich schöner Abend. Und Du hast gesagt, … das verrate ich nicht. Doch. Du  hast gesagt, Du machst manchmal das Licht aus. Und wieder an. Und wieder aus. Und wieder an.

 

 

© mp

 

 

Über.Wolken.und.Michael.Krüger.

Es gibt Menschen, denen begegnet man gerne, die machen das Leben besser. So einer ist er: Michael Krüger. Aber ich fange mal ganz von vorne an. Am Anfang schuf Gott die Wel… – also gut, vielleicht nicht so weit vorne. Gestern. Gestern bin ich hingefahren nach L. Mit meinem treuen und verlässlichen Begleiter, mit dem ich noch Streit bekommen sollte. Dazu später mehr. Erstmal ging es auf die Reise. Ich hatte mir den Gedichtband von Michael Krüger eingepackt, eine Flasche Wasser eingepackt für unterwegs, Musik von anno Dunnemol und die Reise konnte am Nachmittag beginnen. Ich sagte wohin es gehen soll und dann ging es los, fuhr es los, ich fuhr los, wir fuhren los. Juchu! Raus aus der Stadt, rauf auf die Autobahn. Ich hatte ewig nicht mehr Peter Murphy gehört („A strange kind of love“), ewig nicht mehr Sisters of Mercy („More“), ewig nicht mehr Midnight Oil („Beds are burning“). Ich sang mit Midnight Oil, Peter Murphy, Peter Gabriel, Billy Joel, mit den Talking Heads uvm. und musste irgendwann die Autobahn verlassen, weil es eine große Baustelle und Umleitung gab. „Bela Lugosi is dead.“ Das Wetter war gut, die Vorfreude war groß, der Himmel sagte mir freundlich „Hallo“ und dass ich erwartet würde. Guckst Du hier – extra für mich:

sky up above

sky up above

Ich brauchte länger als gedacht, wegen der Baustellen überall, hier 80 km/h, da 100 km/h, dann wieder nur 60 km/h. Machte aber nichts, ich hatte ja Zeit, die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen, ich hatte gute Musik im Auto, sang mit Inbrunst laut und falsch mit und bald war ich auch schon in L. und wurde freundlichst und optimistisch begrüßt. Guckst Du hier – extra für mich:

Touch the sky

Touch the sky

Yes, I will! Ich fuhr durch die Stadt, erkannte manche Straße, manches Gebäude wieder und fuhr und fuhr. Mein Begleiter meinte, es seien noch 114 Kilometer zu fahren und das würde in etwa 1,5 Stunden dauern. Ich: Was? Wir sind doch schon da! Nö. 114 Kilometer noch und 1,5 Stunden. Ich: Nicht dein Ernst? Er: Noch 114 Kilometer und 1,5 Stunden. Es fing an zu nerven. Ich: Moment mal, das klären wir. Ich fahr mal ran. Natürlich überall enge Straßen, Baustellen, fließender Verkehr, hupende Autofahrer. Da kam ein Standstreifen. Ich rangefahren. „Wir müssen mal reden“. Tasten drücken. Tasten drücken, die man beim anderen kennt. Und eine Reaktion abwarten. Tasten gedrückt, abgewartet. Er: Noch vier Kilometer. Ich: Na also, geht doch! Der gute Mann hatte sich geirrt. Mr. TomTom. Auf nix mehr ist Verlass, also ehrlich.

Es war also nicht mehr weit, ich war bald dort und war begeistert. Das Gebäude war sehr schön, ich hatte es schon mal auf einem Foto gesehen, jetzt konnte ich selbst eins machen, lief einmal herum. Es war umgeben von grün, von Bäumen und einem kleinen Stück Rasen, dahinter eine Bank, auf der eine lesende Frau saß. Ich sah auf die Uhr, es war noch Zeit, ich beschloss, erst mal in die Stadt zu gehen. Dort machte ich ein paar Fotos, aß eine Kleinigkeit und machte mich um 18.30 Uhr wieder auf den Rückweg. Die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen.

Als ich ankam, lagen schon ein paar Leute auf dem Rasen, ich wollte mich nicht dazu legen, das war mir zu privat und intim, ich kannte ja niemanden von denen und beschloss stattdessen lieber jemanden anzusprechen und zu fragen, wo die Lesung sei, weil das Gebäude zwar nicht groß war, aber doch mehrere Eingänge und Etagen hatte und die Türen verschlossen gewesen waren, als ich es bei meinem ersten Rundgang probiert hatte. Die zwei, die gerade mit dem Fahrrad angekommen waren, wussten es auch nicht. „Wir wollen auch hin.“ Ich sah noch mal zu den auf den Rasen Flezenden, aber nein, nein. Privat. Da hörte ich eine Stimme hinter mir: „Hallo! Komm mal mit, wir wissen jetzt wo es ist!“ Die Frau, die ich eben gefragt hatte, hatte mit ihrem investigativen Begleiter herausgefunden, wo die Lesung stattfand. Wir betraten gemeinsam das Gebäude durch den Haupteingang.

Innen wurde noch gearbeitet, die Getränkeecke wurde aufgebaut, die Mikros wurden getestet, das Fenster geöffnet, die ersten Gäste kamen. Ich suchte mir einen guten Platz. Da also würde er lesen:

his place

his place

Die Mikros waren irgendwann beide getestet, die Schlürfecke aufgebaut, die Leute kamen, der Raum füllte sich mit Menschen, die Stimmen waren erst flüsternd, wurden lauter, es war kurz nach 19 Uhr, jemand hatte, vielleicht zur Beruhigung oder Einstimmung, Musik aufgelegt, leise. Der Moderator setzte sich links von mir hin. Dann kam er! Er, der große Michael Krüger, setzte sich neben den kleinen Moderator. Ich sah rüber, Michael Krüger sah rüber zu mir, ich lächelte, er lächelte. Schnell wieder weg geguckt, gleich würde es los gehen, jetzt den Künstler nicht ablenken, irritieren oder irgendwie lästig werden. Das wäre wirklich das Letzte, was ich wollte, ich wollte ja seinen schönen Gedichten und Worten lauschen.

Der Moderator stellte sich vorne hin und begann von seinem Zettel abzulesen, was es über Michael Krüger zu sagen gab. Zusammenfassend, ein Leben als Lektor und Schriftsteller, Preise, Geburtsort und seine Hand zitterte, der Zettel zitterte und ich dachte: „Müsste ich vortragen, würde ich auch zittern.“

Michael Krüger stand auf und setzte sich an den Tisch und begann ein paar einleitende Worte zu sprechen, auch darüber, wo und wie er aufgewachsen war, in ärmlichen Verhältnissen, aber glücklich. Die glücklichste Zeit seines Lebens nannte er diese Zeit und begann die Lesung mit einem ersten Gedicht.

Beeindruckend, wie routiniert und angenehm jemand lesen können kann. Er kann. Es gab keinen Applaus zwischen den Texten, aber eine angenehme Ruhe, die sich vom Autor aufs Publikum zu legen schien, er las weiter, erzählte weiter, schweifte ab, kam wieder zurück. Las das nächste Gedicht, über Bäume, über vergangene Zeiten, über Orte. Ein solch feiner Beobachter, beeindruckend. Beeindruckend, wie er mit einfachen Worten, soviel Welt zeigen kann, soviel Welt öffnen kann. Schön.

Lange Zeit war er in einem Verlag tätig, war Geschäftsführer und hatte in dieser Zeit auch selbst geschrieben, häufig Pflichttexte, häufig hatte er auch Dinge zu tun und zu organisieren, die nicht so interessant waren, Meetings, die er manchmal mit einem Gedicht eröffnete, weil er der Meinung war, dass es die Welt ändern würde, die Sprache ändern würde, würde man alles mit einem Gedicht eröffnen. Frau Merkel im Bundestag, jede Vorstandssitzung irgendwo, Unterricht in den Schulen etcpp. Er hatte diese Idee woanders gehört, für gut befunden und umgesetzt in seinem Rahmen.

Dann las er wieder aus seinen vier Gedichtbänden. Erzählte, dass er ein kleines Holzhaus gekauft habe, in dem es kein Radio gab, keinen Fernseher, ein Ort, umgeben von Wald und Natur, ein guter Ort zum Schreiben. Dann erzählte er, dass er ein besonderes Verhältnis zu einem bestimmten Baum entwickelt habe, ich wusste sofort, was er meinte und er sagte: Vielleicht muss man ländlich aufgewachsen sein, um das zu Verstehen.

Er sprach über den Hund, der an der Eingangstür lag und der ihn amüsierte, also nicht im Gedicht, sondern in dem Raum, in dem wir alle saßen und ihm zuhörten. Ich lachte und grinste sehr viel, Michael Krüger besitzt einen sehr feinen Humor.

Ein paar Menschen verließen irgendwann die Lesung, da sagte er: „Da gehen schon die ersten. Ich kann das verstehen. Ich kann aber nichts anderes schreiben als das.“ Dann sagte er: „Ich lese jetzt mal ein anderes Gedicht, damit sie nicht denken, ich würde nur in meiner Holzhütte sitzen oder mit Bäumen reden.“ Dann las er ein Gedicht über Istanbul vor. Istanbul hatte er vor vielen Jahren mit dem Autor Peter Rühmkorff besucht und auch dazu hat er eine amüsante Anekdote erzählt, obgleich in jener Zeit dort vieles alles andere als amüsant war.

Irgendwann las er noch ein Kapitel aus seinem Roman vor, in dem es um einen Menschen geht, der den Nachlass eines Schriftstellers zu verwalten hat, der selbst aber nie mit Schreiben zu tun hatte. In einem Dialog geht es darum, dass zwei Autoren miteinander sprechen und der eine über seinen Roman erzählt und dass er seit Jahren das zweite Kapitel überarbeitet und überarbeitet und nicht weiter kommt. Dass er sich schon einiges überlegt habe, wie es weiter gehen könne, zum Beispiel, dass sein Protagonist ja in ein Wirtshaus gehen könne und dort essen, aber dort würde er vielleicht abgelenkt, würde sich verlieben in eine Frau und seine Geschichte würde eine Richtung nehmen, die er nicht nehmen wolle. Ließe er ihn aber Zuhause essen, würde er sich in seiner dumpfen Verfassung verheddern und es würde auch nicht weiter gehen. Und plötzlich wurde ihm sein eigener Protagonist zuwider, er konnte ihn nicht mehr leiden, nicht mehr sehen, wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Die Verzweiflung, die Schreibende sehr gut kennen. Ich habe mich geschüttelt vor Lachen, weil ich das so gut kenne – ich habe zwei Romane bislang verfasst. Ich sag besser nichts weiter dazu.

„Sie können mich alles fragen, alles, was sie wollen. Egal was!“, lud Michael Krüger am Ende der Lesung ein, nachdem der Applaus abgeklungen war. Stille. So ist das ja immer. Traut sich keiner. Ich auch nicht. Der Moderator zitterte jetzt nicht mehr, stellte eine Frage, dann nahm alles seinen Lauf. Michael Krüger erzählte, antwortete, ich hörte begeistert zu. „Wenn jetzt niemand mehr eine Frage hat, würde ich gern was trinken, aber fragen sie nur“. Es fragte niemand mehr, die Getränkeecke bekam reichlich Zulauf, Michael Krüger stand auf und sah mich an. JETZT ODER NIE! „Guten Abend, Herr Krüger. Würden Sie mir wohl eine Widmung in meinen Gedichtband schreiben?“ Tadaaaa! Es war raus! Ausgesprochen! Yes! Ich war ja so ungeheuerlich mutig. Ich war so großartig. So toll. Ich war so … so, nun beruhigen wir uns mal wieder.

Ich hab ihn tatsächlich angesprochen. Er nickte: „Natürlich, gerne.“ Ich zog den Gedichtband hervor und dann bekam ich eine so persönliche Widmung, das kann doch kein Zufall sein. Seht selbst. Ein schöner Abschluss eines schönen Tages. Anschließend bin ich sehr glücklich nach Hause gefahren.

for you

for you

Ein paar sächsische Wölkchen für mich.

 

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© mp

 

 

Jetzt oder Ja

Es gibt so viele schöne Orte. Auch im Außen. Gestern war ich an einem solchen. Und während ich am Ufer stand und aufs Wasser blickte, da fragte ich mich, ob diesen Ort wohl alle Menschen schön finden würden. Ich setzte mich ins Gras und sah den vorbeischippernden Bötchen zu. Zwei Frauen hatten sich auf eine Bank gesetzt und unterhielten sich. Kurzer Blick, freundliches Nicken. Ich stand irgendwann auf und ging einen Schotterweg am Wasser entlang. Zwei Angler saßen im Gras und hatten sich einen Grill mitgebracht. Angeln ist nicht so mein Fall, aber vielleicht stimmt das gar nicht. Ein Kollege erzählte mir, Angeln sei zu Unrecht als langweilige Freizeitbeschäftigung verschrien, bei denen Männer stumpf auf Wasser guckten. So sei das ja gar nicht. Es sei ein adrenalinfördernder Sport ohne Gleichen und während er mir erzählte, was alles los ist in und mit ihm, während er da hoffnungsfroh und gespannt die Angel ins Wasser schmeißt, musste ich nicht nur lachen, sondern dachte: Vielleicht geh ich das nächste Mal einfach mal mit. Ich würde allerdings jeden Fisch wieder zurück ins Wasser schmeißen, aber vielleicht ist das Erlebnis Angeln ja ganz schön. Mit einem Ex-Freund war ich mal am Millerntor, da war er allerdings noch mein Freund und ein großer Fan von, – wie heißt noch diese coole Fußballmannschaft, die dauernd absteigt? Coole Truppe jedenfalls, das war schon ein Grund dort zu sein und außerdem wollte ich wissen, was es eigentlich ist, das Männer so willenlos macht, wenn sie auf einen grünen Rasen gucken. Ich weiß es jetzt, aber ich sag’s nicht. Wer es wissen will, soll selbst in ein Stadion gehen. Ihr wisst ja – manches kann man nicht vermitteln, das muss man erleben.  Jedenfalls hatte ich viel Spaß im Stadion und ich habe eine neue Seite an meinem damaligen Freund entdeckt. Er hatte noch denselben Namen und dasselbe Gesicht, aber etwas in ihm und an ihm war wie ausgetauscht. Ist das bei Frauen, wenn sie Schuhe kaufen wohl auch so? Also bei mir nicht, das sag ich gleich, aber ich höre ein Kreischen, welches nicht meines ist, sobald bestimmte Namen erklingen, die Schuhe so teuer machen, dass ich dafür lieber einen Gebrauchtwagen kaufen würde. Man muss ja nicht immer laufen, man kann ja auch mal fahren. Wo war ich? Wo bin ich? Wo will ich hin? Ich werde heute vermutlich nach L. fahren, so Gott will, sage ich gern mal dazu. Man weiß ja nie, wann man dran ist. Ach, welches Datum ist heute? Moment, heute ist doch die Soundso dran. Die will noch nach L.? Ja, das hat sie sich so gedacht. Es hat sich ausgeellt, heute ist Himmel dran. So oder so ähnlich könnte es ja laufen, wer weiß das schon. Ich würde jedenfalls gern hin, weil heute ein großartiger Mensch und Dichter liest. Ich habe ihm schon mal zugehört, während er las und sprach und schon da fand ich ihn toll und war so sprachlos, dass ich nicht mehr konnte, als ein zustimmendes Lächeln ihm zu schicken, das er sogar erwiderte, aber ich hatte nicht die Courage, mit meinem dort frisch gekauften Gedichtband hinzugehen, um eine Widmung zu bekommen. Berührungsängste. Respekt. Sind alles nur Menschen, ich weiß, aber ich habe da eine Hemmschwelle. Ich denke dann an all die, die beispielsweise des Öfteren im Fernsehen zu sehen sind, wo dann Leute hingehen und sagen: „Tach Frau Lindenstraße. Wie geht es eigentlich ihrem Sohn Benni.“ Arme Frau Lindenstraße. Passiert sicher ziemlich oft. Die Leute denken, dass sie andere kennen, wenn sie sie öfter in diesem viereckigen Gerät sehen und sie denken außerdem, dass die, die rausgucken auch die sehen können, die reingucken. Aber, ganz im Vertrauen, das ist nicht so. Manche Dinge müssen einfach mal ausgesprochen werden. Ich habe mal ein Interview mit dem Hauptdarsteller der Serie „Rex Revier“ gehört (also mit dem Mann, nicht mit dem Hund) und da erzählte der Mensch, dass jemand auf ihn zugekommen sei und gesagt hat: „Guten Tag, Herr Rex Revier“. Ich hab mich nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Jedenfalls werde ich nicht zu dem Dichter gehen und sagen: „Guten Tag Herr Frühlingsgedicht“. Wär mir unangenehm, obwohl das sicher ein Lacher wäre. Aber es muss ja nicht immer gelacht werden. Apropos nicht lachen. Ich habe bislang noch nicht verlinkt auf ein anderes Blog, aber ich habe vorhin derart schöne, berührende Fotos gesehen, dass ich die Seite verlinken möchte. Die sind allerdings nichts zum Lachen. Wer möchte, schaut dort mal:

http://stevemccurry.wordpress.com/2014/06/02/faces-of-afghanistan/

 

 

© mp