ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Stories

Auf dem Hügel über der Stadt

Wie ist das möglich, dass sich die Stadt so verändert hat, während ich immer gleich geblieben bin?
Der Baum sah an sich herunter und seufzte. Dann blickte er in die Ferne, sah auf die Stadt die vom Hügel aus so gut zu erkennen war. Rundherum wuchsen Häuser aus dem Boden, immer mehr, umgeben von unzähligen Straßen, auf denen viele Autos fuhren. Die Bäume, die vorher dort waren, mussten alle weichen.

Alles wächst. Und ich? sagte der Baum zu sich. Die Blätter raschelten.
Und ich? hörte er.
Wer hat das gesagt? fragte der Baum.
Wer wars? antwortete eine Stimme.
Wo steckst du, zeig dich! sagte der Baum.

Da tänzelte ein kleiner Schmetterling durch die Luft. Er kitzelte eines der Blätter des Baumes und flog lachend davon.

Das hat mir gerade noch gefehlt, brummelte der Baum, dass mich ein Schmetterling nachäfft. Dann seufzte er wieder. In dieses Geräusch mischte sich ein anderes.

Kuckuck.
Kuckuck? fragte der Baum.
Kuckuck.

Der Baum konnte keinen Kuckuck sehen, fühlen oder finden.

Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.
Wo zum Kuckuck steckst du? fragte der Baum. Bist du ein Schmetterling?
Kuckuck. Kuckuck. Kuckuck.
Der Baum hob seine Äste an und schüttelte sie. Es klang, als applaudierten die Blätter.
Kuckuck, hörte er wieder.

Der Baum sah nichts. Er lauschte.

Hallo Baum! rief da die Stimme.
Wer, ich? fragte der Baum.
Wer sonst?, fragte die Stimme.
Du kannst doch alles Baum nennen, sagte der Baum, nicht nur Bäume.

Eine lustige Idee,, lachte die Stimme, wenn ich ein Auto Baum nennen würde, oder Blume. Stell doch mal den Baum in die Vase. Oder: Ich setz mich jetzt in die Blume und fahre nach Tapete.

Der Baum hörte ein Kichern.

Zeig dich mal, bat der Baum. Bist du ein Kuckuck?
Nein, sagte die Stimme. Seh ich aus wie ein Kuckuck?

Ich kann dich nicht sehen, sagte der Baum. Geh mal ein paar Schritte, die Blätter hängen so dicht in meinen Ästen, ich kann dich nicht sehen.

Da sah der Baum, dass sich ein Mädchen mit blonden Zöpfen neben die Parkbank stellte, die ihm gegenüber stand.
Ich bin das, rief das Mädchen und wedelte mit den Armen. Rosemarie. Ich bin Rosemarie.

Hallo Rosemarie, sagte der Baum. Schön, dich zu sehen. Was machst du denn hier?
Dich angucken, sagte Rosemarie. Ich mag Bäume so gern. Es gibt kaum noch welche, wo ich wohne.
Danke schön, sagte der Baum, und ich mag Kinder sehr gern. Es kommen nur noch selten welche her, früher war das anders.
Ist wie mit den Bäumen, sagte Rosemarie. Früher war die Straße voller Bäume, Jetzt ist da kein einziger mehr. Nur noch Autos.

Ja, seufzte der Baum. Alles verändert sich, nur ich nicht.
Oh, du dich auch!, sagte das Mädchen.
Ich mich auch?, fragte der Baum überrascht.

Ja. Als ich dich das erste Mal sah, hattest du keine Blätter. Es war Winter, als ich mit dem Schlitten hier war. Da hast du ganz anders ausgesehen und warst doch der Baum, der du bist.

Meinst du?, fragte der Baum.
Ganz sicher, sagte Rosemarie. Jeder verändert sich doch.

In der Stadt sehe ich das, sagte der Baum. Es gibt dort immer mehr Häuser, hohe Häuser und immer mehr Autos. Das ist mir aufgefallen, doch an mir ist mir nicht aufgefallen, dass ich mich verändere.

Dafür bin ich ja da, sagte das Mädchen. Ich hab dich im Winter gesehen, im Frühling und im Sommer und ich werde dich auch im Herbst besuchen. Immer siehst du anders aus, aber immer bist du du. Manchmal lächelst du sogar mit deinen Ästen, manchmal siehst du traurig aus. Aber du bist immer ein wunderschöner Baum.

Und du bist ein wunderschönes Mädchen, sagte der Baum.

Da lächelte Rosemarie und umarmte den Baum. Und als sie später nach Hause ging, drehte sie sich immer wieder um, um dem Baum zu winken.

Bald komm ich wieder!, rief sie.
Da lächelte auch der Baum, winkte mit seinen Ästen und die Blätter applaudierten.

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Lollapalooza im Treptower Park, Berlin, Tag 1

Eat, sleep, dance, repeat. (Das Lollapalooza-Festival-Motto)

Es ist Samstag, der 10. September 2016, kurz nach 12 Uhr, als ich mit 2-Days-Festival-Bändchen am Arm, nach Leibesvisite und Taschenkontrolle, bei schönstem Wetter den Treptower Park in Berlin betrete. Mehrere Tausend Fans stehen bereits in der prallen Sonne und lauschen Josef Salvat.

Der 27jährige australische Popsänger spielt seit 12 Uhr auf einer der Hauptbühnen in der Nähe des Eingangs. Seine Musik passt extrem gut zum Superwetter und zur ausgelassenen Stimmung. Berührend schön auch sein Cover „Diamonds“ von Rihanna, bei dem ich lauthals mitsinge. Es sind fast 30 Grad. Die Stimmung ist angenehm und beschwingt. Überall wird gelacht, gesungen und getanzt. Hier und da werden Selfies gemacht. Auf der Bühne nebenan wird bereits der nächste Gig vorbereitet: Dubioza Kolektiv, eine bosnische Dub-Band spielt gleich im Anschluß. Nach knapp einer Stunde in der Sonne singen und tanzen bin ich durstig und gehe über den trockenen Rasen zu den Getränke-Ständen und bestelle ein Wasser, 0,33l. 4 Euro. Davon 1 Euro Pfand. Ich bezahle und nehme einen Schluck. Vorbei an Essständen, gehe ich zur nächsten Bühne und warte im Schatten.

12.45 Uhr Dubioza Kolektiv werden angekündigt, mit einer von der Band initiierten Ansage, die unter anderem dringend empfiehlt, während des Konzertes Marihuana zu rauchen und sich gut zu amüsieren. Die sieben Bandmitglieder stürmen in typisch gelb-schwarzem Outfit auf die Bühne und legen gleich los. Die Truppe verbreitet gute Laune, das Publikum hüpft und tanzt. Ich natürlich auch. Die Band spielt fröhlich und ambitioniert. Man merkt, wie viel Spaß sie haben und das überträgt sich auf die Menge. (arte hat auf ihrer Website einen Mitschnitt. Ansehen!). Am Ende des Konzertes hab ich ziemlich viel getanzt und mein Wasser ist alle. Ich muss Nachschub holen und was essen. Ich komme überall gut durch, die Stände rundherum sind nicht allzu bevölkert, auch bei den Toiletten geht es gesittet zu. Auf dem riesigen (275.000 qm) umzäunten Festival-Gelände gibt es u.a. den grünen Kiez, in dem nachhaltige Projekte vorgestellt werden und ich entdecke, dass man dort Wasser umsonst bekommt. Auch dort zahlreiche Essstände, Eis und ein paar ruhige Plätze unter Bäumen, Händler mit T-Shirts und Röcken uvm. Auf der Hauptstraße, die die vier Bühnen voneinander trennt, strömen weiterhin Menschen aufs Gelände. Alle sind froh über die Bäume hier, denn die spenden Schatten. Es ist inzwischen sehr heiß und staubig, die Stimmung bestens. Keine betrunkenen Menschen weit und breit, dafür aber viel Staub und deshalb viele schwarze Füße. Auch meine Turnschuhe sehen inzwischen anthrazit aus. Ich esse Spaghetti und setze mich in den Schatten. Es ist eine lockere Atmosphäre, hier kommt man leicht ins Gespräch. Ich lache mit zwei Spaniern und treffe zwei Arbeitskollegen. Später reihe ich mich in die Schlange für Wasser ein und fülle meine Flasche auf. Hinter dem Kiez sind zwei weitere Bühnen: Perry’s Stage und Alternative Stage. Überall Stände mit Essen, Trinken und Zigaretten, auch stark frequentierte Geldautomaten und ein kleines Karussell. Eine eigene Welt, ein kleines Paradies. Ich esse einen Paradiesapfel (2,50) und bestelle mir anschließend einen Kaffee. 4 Euro. Prost. Auf Perry’s Stage spielt Alan Walker seit 15.15 Uhr.

Der erfolgreiche britisch-norwegische 19jährige Musikproduzent steht mit Sweater auf der Bühne und hat die Kapuze hoch gezogen, wie in seinen Videos. Ich schwitze schon beim Zugucken. Es sind immer noch 30 Grad. Aus den Boxen ein Hit nach dem anderen und ein mitklatschendes und mitsingendes Publikum. Ich gehe bald zurück zur Hauptbühne. Dort spielt ab 16 Uhr die großartige Jess Glynne. Das Gelände wird immer voller, der Sand fliegt durch die Menschen und jeder Schattenplatz ist begehrt. Jess Glynne singt mit ihrer phantastischen Stimme und als das Publikum „My Love“ laut mitsingt, kommen ihr die Tränen.

Sie ist so gerührt, dass sie sich wegdreht und mit den Tränen ringend weiter singt. Sehr berührend. Auch mir laufen die Tränen. Die Menge applaudiert und jubelt. Sie lacht. Wir tanzen, klatschen und singen. Es ist so klasse hier zu sein! Über dem Publikum schwebt ein Kameramann und dreht quer durch die Menge. Mittendrin die Bierverkäufer mit Fässern auf dem Rücken. Ich trinke Wasser, tanze und sehe überall schwarze Füße. Meine Schuhe sehen inzwischen schwarz aus. Nach dem Konzert wird es Zeit wieder rüber zur Alternative Stage zu gehen. Da spielen seit 16.30 Uhr Kaiserchiefs. Dort angekommen, tritt Plan B in Kraft: Es geht wieder zurück, rüber zu Perry’s Stage. Denn da spielen … (Fortsetzung folgt) 🙂

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Plan_B

Sie sitzt am Tisch. Vor ihr der Plan. Sie sieht den Plan an. Der Plan sieht sie an. Sie schüttelt den Kopf. Der Kopf schüttelt sie. Sie zerknüllt den Plan. Der Plan zerknüllt sie. Sie nimmt ein neues Blatt. Darüber schreibt sie: Ich bin der Plan meines Lebens. Mehr nicht.

 

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DAS.

Manchmal ist es schon verwirrend. Es, Mensch. Hier ist ein Mensch, öffne die Tür. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Horch was kommt von draußen rein, Hollahi, Hollaho. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz. Fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn. I feel looking for freedom. Freedom is just another word for nothing left to lose. We carry in our heart the true Country, and that cannot be stolen. So könnt ich stundenlang weiter machen. Sich selbst auf die Spur kommen. Fragen beantworten, Fragen stellen, setzen, legen. Sich ergeben, sich erzürnen, sich ermuntern, sich wundern. Im Miteinander mit anderen, sich selbst er-fahren. Sich selbst erkennen. Sich selbst benennen. Wie heißt du? Was ist dir wichtig? Magst du Ziegenkäse? Oder andere Belanglosigkeiten. Manchmal wirkt es, als wirkten alle. Als wirkten alle etwas verstört. Verstört? Ach so. Ach so, was hattest du gemeint mit? Was hattest du gemein mit? Mir? Wir kennen uns nun schon so lange, findest du nicht, dass es an der Zeit ist, …? Ja, es ist Zeit, es wird Zeit, dass wir … Die Sätze mal zu Ende sprechen, vor denen wir uns am meisten fürchten. Fürchte dich nicht! Doch, fürchte dich. Ich flüchte! Hilfe. Ich sehe einen Menschen gehen. Hey, wo gehen Sie denn hin? Ich bin auf dem Weg in mein eigenes Unglück. One way oder return? Welchen Unterschied macht das schon? Einen gewaltigen. Einen gewaltigen Krach hat es gegeben. Wann denn? Als ich mir zuhörte. War es so schlimm? Es war schlimmer, als ich gedacht habe. Was war denn so schlimm? Dass ich gesagt habe, ich sei glücklich. Danach habe ich mir kein Wort mehr geglaubt. Sind Sie Komiker? Nein, nicht Komiker, aber was ähnliches. Was denn? Mensch. Mensch, da sagen Sie aber was! Ja, ich sage was und Sie sagen nichts. Nichts sage ich, nichts, gar nichts. Ich bin still, wie ein automatischer Bankeinzug. Was kann denn die arme Bank dafür? Sie hat mir im Weg gestanden. Da habe ich die Säge ausgepackt. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen. Alles durchgesägt. Bedeutungen, Bindungen, ein ganzes Stück Leben abgeschnitten und es meistbietend angeboten. Wollte keiner haben. Hatten alle noch selbst genug. Sie machen wohl Witze? Ja, dauernd. Damit ich nicht weinen muss. Sie sind aber sehr durcheinander heute, kann das sein? Ich war noch nie so klar im Kopf. Also gut, wenn Sie so klar sind, dann haben Sie sicher viele Antworten. Ja, viele Antworten, ganz viele. Wollen Sie was wissen? Ja. Okay, dann schießen Sie mal …, nein, schießen Sie nicht. Fragen Sie. Haben Sie Fragen? Und wie ich Fragen habe! Dann los. Fragen Sie nur. Erklären Sie mir das doch mal. Was denn? Na, DAS. Was das? DAS! Ein wenig müssen Sie mir schon helfen … Dauernd will jemand, dass man hilft. Und wenn man dann einen Finger krumm macht, dann sagen Sie: Der Finger ist aber krumm. Also, DAS. Ach so, DAS. Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Wirklich? Nein, aber ich erzähle Ihnen mal was. Gerne. Also DAS, das stimmt wirklich. Wirklich? Ja, es stimmt wirklich. Was jetzt? Na, DAS. Dann ist es also wahr? Ja. Das ist ja toll. Ja. Dann stimmt es also nicht, dass alles Lüge ist? Nein. Beruhigend. Es sei denn, … Ja? Es sei denn, auch das ist eine Lüge. Damit würde alles in sich zusammen stürzen, die komplette Diskussion. Nun ja, es war ja keine richtige Diskussion. Es war ja vielmehr ein …, ein …. Vortrag? Ja, genau. Es war ein Vortrag. Jetzt bin ich genau so schlau wie vorher. So ist es meistens. Außer, dass es sich anders anfühlt. Aber das ist nur ein Gefühl. Ach so, sie meinen ein Gefühl … Ja, ich meine, ein Gefühl ist ein Gefühl. Jetzt wird mir einiges klar. Und mir erst. Das ist das Gute an Feiertagen. Man kann mal so richtig in Ruhe nachdenken und über alles reden. Ja, das stimmt. Auch über DAS. Genau. Besonders über DAS. Beruhigend. Ja, die Unruhe bleibt. Ja. Zum Glück. Ja, zum Glück bleibt die Unruhe.

 

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Über.Wolken.und.Michael.Krüger.

Es gibt Menschen, denen begegnet man gerne, die machen das Leben besser. So einer ist er: Michael Krüger. Aber ich fange mal ganz von vorne an. Am Anfang schuf Gott die Wel… – also gut, vielleicht nicht so weit vorne. Gestern. Gestern bin ich hingefahren nach L. Mit meinem treuen und verlässlichen Begleiter, mit dem ich noch Streit bekommen sollte. Dazu später mehr. Erstmal ging es auf die Reise. Ich hatte mir den Gedichtband von Michael Krüger eingepackt, eine Flasche Wasser eingepackt für unterwegs, Musik von anno Dunnemol und die Reise konnte am Nachmittag beginnen. Ich sagte wohin es gehen soll und dann ging es los, fuhr es los, ich fuhr los, wir fuhren los. Juchu! Raus aus der Stadt, rauf auf die Autobahn. Ich hatte ewig nicht mehr Peter Murphy gehört („A strange kind of love“), ewig nicht mehr Sisters of Mercy („More“), ewig nicht mehr Midnight Oil („Beds are burning“). Ich sang mit Midnight Oil, Peter Murphy, Peter Gabriel, Billy Joel, mit den Talking Heads uvm. und musste irgendwann die Autobahn verlassen, weil es eine große Baustelle und Umleitung gab. „Bela Lugosi is dead.“ Das Wetter war gut, die Vorfreude war groß, der Himmel sagte mir freundlich „Hallo“ und dass ich erwartet würde. Guckst Du hier – extra für mich:

sky up above

sky up above

Ich brauchte länger als gedacht, wegen der Baustellen überall, hier 80 km/h, da 100 km/h, dann wieder nur 60 km/h. Machte aber nichts, ich hatte ja Zeit, die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen, ich hatte gute Musik im Auto, sang mit Inbrunst laut und falsch mit und bald war ich auch schon in L. und wurde freundlichst und optimistisch begrüßt. Guckst Du hier – extra für mich:

Touch the sky

Touch the sky

Yes, I will! Ich fuhr durch die Stadt, erkannte manche Straße, manches Gebäude wieder und fuhr und fuhr. Mein Begleiter meinte, es seien noch 114 Kilometer zu fahren und das würde in etwa 1,5 Stunden dauern. Ich: Was? Wir sind doch schon da! Nö. 114 Kilometer noch und 1,5 Stunden. Ich: Nicht dein Ernst? Er: Noch 114 Kilometer und 1,5 Stunden. Es fing an zu nerven. Ich: Moment mal, das klären wir. Ich fahr mal ran. Natürlich überall enge Straßen, Baustellen, fließender Verkehr, hupende Autofahrer. Da kam ein Standstreifen. Ich rangefahren. „Wir müssen mal reden“. Tasten drücken. Tasten drücken, die man beim anderen kennt. Und eine Reaktion abwarten. Tasten gedrückt, abgewartet. Er: Noch vier Kilometer. Ich: Na also, geht doch! Der gute Mann hatte sich geirrt. Mr. TomTom. Auf nix mehr ist Verlass, also ehrlich.

Es war also nicht mehr weit, ich war bald dort und war begeistert. Das Gebäude war sehr schön, ich hatte es schon mal auf einem Foto gesehen, jetzt konnte ich selbst eins machen, lief einmal herum. Es war umgeben von grün, von Bäumen und einem kleinen Stück Rasen, dahinter eine Bank, auf der eine lesende Frau saß. Ich sah auf die Uhr, es war noch Zeit, ich beschloss, erst mal in die Stadt zu gehen. Dort machte ich ein paar Fotos, aß eine Kleinigkeit und machte mich um 18.30 Uhr wieder auf den Rückweg. Die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen.

Als ich ankam, lagen schon ein paar Leute auf dem Rasen, ich wollte mich nicht dazu legen, das war mir zu privat und intim, ich kannte ja niemanden von denen und beschloss stattdessen lieber jemanden anzusprechen und zu fragen, wo die Lesung sei, weil das Gebäude zwar nicht groß war, aber doch mehrere Eingänge und Etagen hatte und die Türen verschlossen gewesen waren, als ich es bei meinem ersten Rundgang probiert hatte. Die zwei, die gerade mit dem Fahrrad angekommen waren, wussten es auch nicht. „Wir wollen auch hin.“ Ich sah noch mal zu den auf den Rasen Flezenden, aber nein, nein. Privat. Da hörte ich eine Stimme hinter mir: „Hallo! Komm mal mit, wir wissen jetzt wo es ist!“ Die Frau, die ich eben gefragt hatte, hatte mit ihrem investigativen Begleiter herausgefunden, wo die Lesung stattfand. Wir betraten gemeinsam das Gebäude durch den Haupteingang.

Innen wurde noch gearbeitet, die Getränkeecke wurde aufgebaut, die Mikros wurden getestet, das Fenster geöffnet, die ersten Gäste kamen. Ich suchte mir einen guten Platz. Da also würde er lesen:

his place

his place

Die Mikros waren irgendwann beide getestet, die Schlürfecke aufgebaut, die Leute kamen, der Raum füllte sich mit Menschen, die Stimmen waren erst flüsternd, wurden lauter, es war kurz nach 19 Uhr, jemand hatte, vielleicht zur Beruhigung oder Einstimmung, Musik aufgelegt, leise. Der Moderator setzte sich links von mir hin. Dann kam er! Er, der große Michael Krüger, setzte sich neben den kleinen Moderator. Ich sah rüber, Michael Krüger sah rüber zu mir, ich lächelte, er lächelte. Schnell wieder weg geguckt, gleich würde es los gehen, jetzt den Künstler nicht ablenken, irritieren oder irgendwie lästig werden. Das wäre wirklich das Letzte, was ich wollte, ich wollte ja seinen schönen Gedichten und Worten lauschen.

Der Moderator stellte sich vorne hin und begann von seinem Zettel abzulesen, was es über Michael Krüger zu sagen gab. Zusammenfassend, ein Leben als Lektor und Schriftsteller, Preise, Geburtsort und seine Hand zitterte, der Zettel zitterte und ich dachte: „Müsste ich vortragen, würde ich auch zittern.“

Michael Krüger stand auf und setzte sich an den Tisch und begann ein paar einleitende Worte zu sprechen, auch darüber, wo und wie er aufgewachsen war, in ärmlichen Verhältnissen, aber glücklich. Die glücklichste Zeit seines Lebens nannte er diese Zeit und begann die Lesung mit einem ersten Gedicht.

Beeindruckend, wie routiniert und angenehm jemand lesen können kann. Er kann. Es gab keinen Applaus zwischen den Texten, aber eine angenehme Ruhe, die sich vom Autor aufs Publikum zu legen schien, er las weiter, erzählte weiter, schweifte ab, kam wieder zurück. Las das nächste Gedicht, über Bäume, über vergangene Zeiten, über Orte. Ein solch feiner Beobachter, beeindruckend. Beeindruckend, wie er mit einfachen Worten, soviel Welt zeigen kann, soviel Welt öffnen kann. Schön.

Lange Zeit war er in einem Verlag tätig, war Geschäftsführer und hatte in dieser Zeit auch selbst geschrieben, häufig Pflichttexte, häufig hatte er auch Dinge zu tun und zu organisieren, die nicht so interessant waren, Meetings, die er manchmal mit einem Gedicht eröffnete, weil er der Meinung war, dass es die Welt ändern würde, die Sprache ändern würde, würde man alles mit einem Gedicht eröffnen. Frau Merkel im Bundestag, jede Vorstandssitzung irgendwo, Unterricht in den Schulen etcpp. Er hatte diese Idee woanders gehört, für gut befunden und umgesetzt in seinem Rahmen.

Dann las er wieder aus seinen vier Gedichtbänden. Erzählte, dass er ein kleines Holzhaus gekauft habe, in dem es kein Radio gab, keinen Fernseher, ein Ort, umgeben von Wald und Natur, ein guter Ort zum Schreiben. Dann erzählte er, dass er ein besonderes Verhältnis zu einem bestimmten Baum entwickelt habe, ich wusste sofort, was er meinte und er sagte: Vielleicht muss man ländlich aufgewachsen sein, um das zu Verstehen.

Er sprach über den Hund, der an der Eingangstür lag und der ihn amüsierte, also nicht im Gedicht, sondern in dem Raum, in dem wir alle saßen und ihm zuhörten. Ich lachte und grinste sehr viel, Michael Krüger besitzt einen sehr feinen Humor.

Ein paar Menschen verließen irgendwann die Lesung, da sagte er: „Da gehen schon die ersten. Ich kann das verstehen. Ich kann aber nichts anderes schreiben als das.“ Dann sagte er: „Ich lese jetzt mal ein anderes Gedicht, damit sie nicht denken, ich würde nur in meiner Holzhütte sitzen oder mit Bäumen reden.“ Dann las er ein Gedicht über Istanbul vor. Istanbul hatte er vor vielen Jahren mit dem Autor Peter Rühmkorff besucht und auch dazu hat er eine amüsante Anekdote erzählt, obgleich in jener Zeit dort vieles alles andere als amüsant war.

Irgendwann las er noch ein Kapitel aus seinem Roman vor, in dem es um einen Menschen geht, der den Nachlass eines Schriftstellers zu verwalten hat, der selbst aber nie mit Schreiben zu tun hatte. In einem Dialog geht es darum, dass zwei Autoren miteinander sprechen und der eine über seinen Roman erzählt und dass er seit Jahren das zweite Kapitel überarbeitet und überarbeitet und nicht weiter kommt. Dass er sich schon einiges überlegt habe, wie es weiter gehen könne, zum Beispiel, dass sein Protagonist ja in ein Wirtshaus gehen könne und dort essen, aber dort würde er vielleicht abgelenkt, würde sich verlieben in eine Frau und seine Geschichte würde eine Richtung nehmen, die er nicht nehmen wolle. Ließe er ihn aber Zuhause essen, würde er sich in seiner dumpfen Verfassung verheddern und es würde auch nicht weiter gehen. Und plötzlich wurde ihm sein eigener Protagonist zuwider, er konnte ihn nicht mehr leiden, nicht mehr sehen, wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Die Verzweiflung, die Schreibende sehr gut kennen. Ich habe mich geschüttelt vor Lachen, weil ich das so gut kenne – ich habe zwei Romane bislang verfasst. Ich sag besser nichts weiter dazu.

„Sie können mich alles fragen, alles, was sie wollen. Egal was!“, lud Michael Krüger am Ende der Lesung ein, nachdem der Applaus abgeklungen war. Stille. So ist das ja immer. Traut sich keiner. Ich auch nicht. Der Moderator zitterte jetzt nicht mehr, stellte eine Frage, dann nahm alles seinen Lauf. Michael Krüger erzählte, antwortete, ich hörte begeistert zu. „Wenn jetzt niemand mehr eine Frage hat, würde ich gern was trinken, aber fragen sie nur“. Es fragte niemand mehr, die Getränkeecke bekam reichlich Zulauf, Michael Krüger stand auf und sah mich an. JETZT ODER NIE! „Guten Abend, Herr Krüger. Würden Sie mir wohl eine Widmung in meinen Gedichtband schreiben?“ Tadaaaa! Es war raus! Ausgesprochen! Yes! Ich war ja so ungeheuerlich mutig. Ich war so großartig. So toll. Ich war so … so, nun beruhigen wir uns mal wieder.

Ich hab ihn tatsächlich angesprochen. Er nickte: „Natürlich, gerne.“ Ich zog den Gedichtband hervor und dann bekam ich eine so persönliche Widmung, das kann doch kein Zufall sein. Seht selbst. Ein schöner Abschluss eines schönen Tages. Anschließend bin ich sehr glücklich nach Hause gefahren.

for you

for you

Ein paar sächsische Wölkchen für mich.

 

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Erinnerungen.teilen.

„Weißt du noch? Damals, als wir uns kennen lernten?“

„Ja, das weiß ich noch ganz genau!“

„Geht mir auch so.“

„Wir waren im englischen Garten.“

„Nein. Wir standen vor dem Kino. Und weil es so geregnet hat und wir nicht ins Kino gelassen wurden, standen wir dicht gedrängt unter dem Abdach.“

„Das war doch eine Woche später. Der Abend, an dem wir uns kennen gelernt haben, standen wir beide in einer Warteschlange im englischen Garten und warteten auf unseren bestellten Tee. Ich suchte den braunen Zucker und so sind wir ins Gespräch gekommen.“

„Das war nicht im englischen Garten. Das war im botanischen Garten und unser zweites Treffen. Unsere erste Begegnung war vor dem Kino.“

„Warum wolltest du eigentlich mit mir über unser Kennen lernen sprechen?“

„Weil es für mich ein so rührender Moment war, der mir bis heute so besonders ist, wie damals vor dem Kino im Regen.“

„Ja, rührend war es. Im englischen Garten.“

„Also wenn schon, dann botanischer Garten. Aber es war im Kino!“

„…“

„…“

„Schön, dich zu sehn.“

„Ja.“

 

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Das Internetungeheuer

„Was ist?“ fragte er Lucia. „Warum versteckst du dich unter dem Tisch?“

„Ist es noch da?“ flüsterte sie.

„Ist wer oder was noch da?“, fragte Titus verwundert.

„Das Internetungeheuer“, flüsterte Lucia noch leiser.

Titus sah sich um. Auf der Spüle stand schmutziges Geschirr, Gläser und leere Dosen. Auf dem Herd stand die alte Bratpfanne mit dem Holzgriff, in der sie am Abend zuvor Bratkartoffeln gebraten hatten. In der Küche war kein Ungeheuer. Jedenfalls kein Internetungeheuer.

„Hier ist kein Ungeheuer,“ flüsterte Titus zurück.

„Auch nicht im Wohnzimmer?“, traute sich Lucia nun etwas lauter zu fragen.

„Auch nicht im Wohnzimmer“, beruhigte Titus.

Lucia sah sich im Raum um, sah ins Wohnzimmer, das direkt an die Küche angrenzte. Es war still. Das einzige, was sich bewegte war der Sekundenzeiger an der Uhr. Und jetzt Lucia, die sich an Titus hochzog.

„Oh Gott“, sagte sie, während sie Titus fest umarmte. „Ich glaub, ich dreh durch. Ich sollte mit dem Bloggen aufhören.“

„Was ist denn?“, fragte Titus und hielt Lucia fest.

„Immer wenn ich was geschrieben habe,“ begann Lucia, „dann kommt das Ungeheuer, das Internetungeheuer. Nicht nur, dass es durch sämtliche Texte geht, nein, es verwandelt sie. Es reißt sie mir regelrecht aus den Händen. Und plötzlich ist alles verwandelt, so verwandelt, weil keine Freude mehr drin steckt. Das Internetungeheuer frisst Freude.“

„Freude?“, fragte Titus ungläubig.

„Ja, leider. Früher konnte ich meine Geschichten erzählen, ich habe Gedichte geschrieben, für Dich, für meinen Kanarienvogel, über meine Heimat und den Himmel. Und seitdem das Internetungeheuer meine Texte verwüstet, habe ich die Freude am Schreiben verloren. Und egal, was ich auch tue, die Freude kommt  nicht mehr zurück. Das Internetungeheuer verdirbt alles.“

Lucia und Titus standen eng umschlungen da. Sie schmiegten sich fest aneinander und manchmal seufzte Lucia, da hielt Titus sie fester. Und manchmal war es Titus, der seufzte, da gab Lucia ihm einen Kuss.

 

© mp