ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Gefühle

vielleicht denkst du ans glück

ich stell mir vor
wie du in einem garten sitzt
zwischen wild gewachsnen sträuchern
vielleicht steht dort auch eine birke
und eine blumenwiese
voller kornblumen und gänseblümchen
irgendwo darin
du
lauscht den vogelstimmen
auf einem stuhl vielleicht
dem tag hinterher
sinnend
mit geschlossenen augen
genießt du den sommerabend
schaust in die ferne
vielleicht denkst du
ans glück
als sich ein marienkäfer
auf deine hand setzt

© mp

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heutiger begriff: marienkäfer
#juniverse

bewegungen

ich stehe vor mauern
ich suche einen faden
ich liege in der hängematte
ich schwebe auf wolken
ich schwimme im pool
ich tauche ein
ich fange seifenblasen
ich träume
ich blicke in die ferne
ich berühre deine stimme
ich wühle mich durch schmetterlinge
ich fahre in der u-bahn
ich schreibe ein gedicht
ich poste es im blog
ich sitze im garten
ich stehe auf dem schlauch

© mp

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heutiger begriff: gartenschlauch
#juniverse

staubblüten

der stüten blaut
ein blütenkraut
darüber taub
aus blüten staub
staubt wie taub
ein raub aus kraut
wie taub beraubt
oh klüten schraut
es schießt ins kraut
der blütenstaub
von stüten klaut
in blüten staut
wie stüten blaub
im blütenstaub

© mp


Im Rahmen der Juniverse, einer 1 Monat dauernden Lyrik-„Challenge“, bei dem an jedem Tag ein Gedicht zu schreiben ist, habe ich mich am heutigen Begriff versucht, der da lautet: Blütenstaub. Die Liste mit den Begriffen hier: https://www.silbenton.de/juniverse/

 

raus

die worte tragen masken
flüsternd gehen sie
durch ungeschriebene
gedichte
irgendwo fällt ein stein
eine schneeflocke
irgendwo stürzt ein leben
krachend zu boden
jemand sieht auf
gott wo bist du
im hintergrund
antwortet youtube
mit einem algorhythmus
niemand wippt mit dem fuß
es ist sonntag
sonntag
schon wieder sonntag
schon wieder montag
schon wieder dienstag
es ist schon wieder
leben
die worte tragen masken
flüsternd gehen sie
durch unbeschriebene tage

© mp

wanndernd

ich. suche. und
weiß noch nicht.
wohin.

ich weiß. und
weiß noch nicht.
wie.

wenn ich weiß.
wie. kommt
das wann.

© mp

ich habe keine ahnung

ohne ahnung
schritt für schritt
ahnungslos
gehe ich
ungeahnte wege
fürchte mich noch
ahne ich nichts
doch
in dieser furcht
in diesen schritten
da ist eine
vorahnung
dass es kommt
wie es kommt
doch ich weiß nicht
ob das wahr ist
ich habe überhaupt
keine ahnung

© mp

innerer prozess

ich versuche
die wahrheit zu erkennen
in mir
versuche ich mich
einzunehmen
an den grenzen die waffen
sinken zu lassen
ich versuche zuzulassen
was wahr ist
in mir

© mp

flowerpower.

oh sieh nur
die flower
steht da
im regen
schauer
(er ist nicht
von dauer)

sieh
die flower
wie die schöne glänzt
und aufrecht steht
im shower

das ist echte
flowerpower

jetzt kommt
was auch ich bedauer
flowerpower is great
(doch leider nicht
von dauer)

© mp

umgekrempelt

kaum schreibe ich hier ein paar tage nicht, krempelt ihr alle die welt um. ihr macht ja sachen! draußen twittert der frühling und bekommt dieses jahr so viel aufmerksamkeit wie noch nie: es gibt weniger möglichkeiten auszugehen und sich abzulenken, aber spazieren, das geht noch und internet auch. es geht noch so viel! am wochenende plagten mich ängste, die mich zwei tage in schach hielten. irgendwann begriff ich: ich stehe unter schock. danach löste sich etwas in mir, ich entspannte und beschloss, mir und anderen zeit zu geben, sich anzupassen an die neuen umstände, und umzugehen mit den ängsten, die ausgelöst werden. versuchen: flexibel zu bleiben oder zu werden. mich selbst und andere beruhigen. akzeptieren, dass es etwas zeit braucht, mit allem den richtigen umgang zu finden. das wird. es ist wie mit jeder veränderung: am anfang löst sie unruhe und ängste aus, dann finden sich möglichkeiten und es wird ruhiger. es braucht zeit, eine neue sicht zu erlangen, lösungen zu entwickeln, auch und überhaupt die eigene wirksamkeit zu erkennen und selbstfürsorge zu betreiben und andere nicht zu übersehen. bei uns im hausflur hängt jetzt ein zettel mit telefonnummern und namen drauf. wenn jemand sich nicht selbst versorgen kann, kann man die nachbarn kontaktieren und um hilfe bitten. menschen ordern merchandisingartikel von künstlern, die im moment nicht auftreten können, lassen ihre tickets für veranstaltungen verfallen und wollen das geld dafür nicht zurück. der umgang miteinander, so erlebe ich es, ist insgesamt freundlich und liebevoll. ich sehe inzwischen viel gutes, viele möglichkeiten in dem, was gerade passiert. es ist ein richtiger schub, ein ordentlicher schub, der gerade weltweit geschieht. und wir alle sind dabei, schauen zu, machen mit, gestalten mit. jeder trägt etwas dazu bei. es wird nun viel neues entstehen, viel kreatives potential wird freigesetzt. ich mach mich gleich auf zur arbeit. ich habe frische erdbeeren geschnitten, mir einen salat zubereitet, zwei feine streifen käsekuchen gibt es auch und joghurt steht noch im kühlschrank bei der arbeit. meine bleistifte nehme ich mit, auch einen zeichenblock. es fehlt mir also quasi an nichts. bleibt gesund.

sehen und erkennen, es richtig benennen

verstehen, sich, einen anderen und wie das eine ins andere greift. das, was ich begreife, kann in dich greifen, auf dich greifen, übergreifen, reifen. ich verstehe mich, also kann auch ich dich verstehen, begehen, mit dem, was ich sehe. verstehen heißt sehen, heißt erkennen, benennen, manchmal: flennen, auch: [weg-]rennen. manches tut weh, wenn ich es seh sagt etwas: geh! ich verstehe mich gut, sehen braucht mut, ich sehe mich neu an dir, manches seh ich zuerst an dir, dann auch an mir. ich verstehe mich gut mit dir. manches erkenn ich, manches auch nicht. ich verstehe dich nicht, ich sehe dich, doch ich erkenne dich nicht, etwas verstellt mir die sicht. sehen heißt manchmal auch nicht zu erkennen oder falsch zu benennen, weil im sehen etwas steht, das nicht vergeht. oder es wandelt sich und geht von mir zu dir oder von dir zu mir. wer und was gehört zu mir? erkennen, nicht alles ist zu sehn, manches muss erst gehn, bevor wir es sehn. dann sagen wir: das war schön oder unschön. schön ist, was wir mit liebe sehen, doch manches ist und bleibt nicht schön. manchmal muss man einsehn: ich kann nicht alles verstehn oder auch: ich kann es sehn, ich kann es verstehn, doch ich muss gehn.

© mp

 

in der frühe

der frühe morgen beginnt, bevor der wecker an meinem traum rüttelt. im gewühl des bettes noch die reste des letzten tages. traurigkeit, die sich aus der nacht in den neuen tag rettet. es regnet, die welt wird gewaschen. die bäume beobachten das blinkende orangefarbene licht vom wagen der berliner stadtreinigung. am morgengrauen himmel die ersten frühlingsvögel. am schreibtisch der gescheiterte versuch eines gedichtes. auf dem kalender wird heute robert musil aus dem mann ohne eigenschaften zitiert, der die muskelkraft eines bürgers, der einen tag lang ruhig geht, als bedeutend und größer als die eines athleten beschreibt. die katze miaut, als sie ins zimmer kommt. es regnet immer noch. ein paar dunkle anoraks gehen mit gesenktem kapuzenkopf am fenster vorbei. dahinter ein radfahrer in gelber regenjacke. irgendwo hunde, die mit menschen spazieren gehen. dieser donnerstag fühlt sich an wie ein montag, doch es ist tatsächlich donnerstag. und es ist ende januar, der sich schon anfühlt wie frühling.

© mp

unruhig

am späten nachmittag war ich auf dem weg
in die stadtbibliothek
ein buch musste zurück dorthin
die 40 geheimnisse der liebe von elif shafak
ich trug es durch die belebten straßen
im herzen: diese widerspenstige liebe
& ich sah menschen in cafés
gedankenversunken aus dem fenster sehend
ich ging weiter
vorbei
am copy-shop & doch nicht kopiert
ich war sicher
dass ich es nicht erneut lesen würde
dachte also kann ich es lassen
mich mit dem unnützen zu beschweren & anhäufen
möchte ich nur noch das schöne
in gedanken: du
es wurde langsam dunkler
ich erreichte die bibliothek
setzte mich in die dritte etage & las
mich durch einen berg ausgesuchter bücher
ich entschied mich
für einen gedichtband von fazil hüsnü daglarca
zwei weitere romane von elif shafak
& zwei sachbücher über sehnsucht & sabotage
an der ausleihe schob ich die bücher über den tisch
ich wartete auf die quittung die kam
& ein junger typ der seine karte so auf das gerät legte
dass sie nicht gelesen werden konnte
ich half ihm
er sah mich an & schenkte mir ein lächeln
das ich bis zur tür trug
dann trat ich hinaus auf die straße
& ging langsam heim
mit den büchern im rücken
& im herzen: du

© mp

über nähe und distanz

den abstand finden
wie etwas verlorenes
das es braucht
um nicht mehr abstand
zu brauchen
immer wieder neu
sich annähern
an den abstand
an die nähe
(zu allem) finden
was es braucht
um dem nah zu sein
was ich brauche
um damit den abstand
zu überwinden
oder den richtigen
abstand zu finden

© mp

kunst_naht

ich bin immer noch
in dieser seltsamen verfassung
dass ich mich hier befinde
& dort die (absurde) welt
ich wandere in mir
& hinaus in die welt
gehe ich & sehe ich
das malen zeichnen & schreiben
ist das dazwischen
der versuch zu erfassen
das vermischen
von innen & außen
kunst & literatur
als vermittler
& brücke
– die naht
zwischen den welten

© mp

vorübergehend

bisweilen erscheint einem manches absurd. so ergeht es mir gerade und bezieht sich auf das bloggen, das leben, das schreiben, das malen, das zeichnen, das sprechen, neujahrswünsche. als wäre alles ein stück von mir weggerückt sehe ich es und denke: wofür ist das denn gut? und finde keine antwort, jedenfalls keine, die sagt: mach weiter so. eher: ich muss weiter, aber anders. und wie und wohin? wird sich zeigen. nun könnte man annehmen, dass man dem, was einem absurd erscheint, also nicht mehr folgt, das, was einem absurd erscheint aufgibt, sein lässt, doch dem ist nicht so, zumindest nicht in meinem fall, doch die frequenz und intensität mit der ich es tue, hat sich verändert. ich folge meinem empfinden und staune darüber, was der kopf mir alles erzählen will, welche gedanken er mir auftischt. dem kopf darf man nicht alles glauben, sowieso.

(tagebuchnotizen, januar 2020)