ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Kategorie: Rezension

Fehlt noch was?

Seit Tagen schon will ich eine Rezension über dieses Buch in meinem Lesezeichenblog schreiben, doch es gelingt mir nicht. Woran das liegt? Weil das Buch

„Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle,

das außergewöhnlichste, wahrhaftigste, intensivste, großartigste Buch ist, das ich seit langem gelesen habe. Ich finde einfach nicht die passenden Worte dafür. Es ist überwältigend, dieses Buch. Thomas Melle ist manisch-depressiv, oder wie man heute sagt: bipolar. In diesem Buch, seiner Autobiographie, schreibt er über sein Leben und seine Krankheit, die über ihn, in ihn herein bricht, aus ihm heraus bricht und spricht. Sollte jemand von Euch noch ein Geschenk benötigen, für jemand anders, oder für sich selbst, oder gerade nicht wissen, welches Buch man als nächstes lesen sollte – möchte ich Euch dieses Buch sehr ans Herz legen. Es ist mitreißend, berührend, aufwühlend, tief, sprachlich ein Genuss, kurz: Es ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Es war für den Buchpreis 2016 nominiert, hat leider nicht gewonnen, was ich sehr bedaure. Das Buch und der Autor haben es mehr als verdient. Kauft dieses Buch. Verschenkt es. Lest es.

Hier eine Leseprobe:

http://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3458707/LP_978-3-87134-170-0_Leseprobe.pdf

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Be.kenntnisse.

„Jesus, hier ist Nina.“

Erinnert sich jemand an diese Frau? Sie hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben mit dem Titel „Bekenntnisse„. Es geht natürlich um Nina Hagen. Nina Hagen, die Kandidaten über’n Haufen gesoffen hat, die auf’m Bahnhof Zoo hungrig war und nichts wusste, von seinen Ufern. Sie war ein Hund, fühlte sich unbeschreiblich weiblich und wollte ein Fisch im Wasser sein. Sie lief’n Bahnsteig lang und wusste nicht, ob sie da wegfährt oder was. In ihrer Tasche klebte ein Bonbon und sie tanzte den African Reggae. Nina Hagen war heiß und wollte rangehn und das tat sie auch musikalisch: Wilde, punkige Musik mit ausgefallenen Texten und Takten. Jedenfalls in den 80ern. Mit einer Band, die ihren Namen trug und zwei Alben veröffentlichte: Nina Hagen Band. Wer ist diese Frau? Wer und was hat sie beeinflusst und geprägt? Das erzählt Nina Hagen selbst in ihrer Biographie, die auch die Geschichte ihrer spirituellen Entwicklung ist, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben und auch ihr Buch zieht. Nina Hagen ist Christin. Sie hat sich vor ein paar Jahren sogar taufen lassen. Es ist ihr ernst damit. Geboren wird sie 1955 in Ostberlin. Ihre Eltern trennen sich früh, sie bleibt bei der Mutter, obgleich sie sich dem Vater näher fühlt. Nina geht ihren Weg. Sie verliert sich, sie findet sich. Versucht Neuanfänge, flüchtet, liebt, fällt und steht wieder auf. Sie hat den Farbfilm vergessen und tingelt mit einer Schlager-Combo, sich deplaziert und unerfüllt fühlend, durchs Land. 1976 nimmt Nina den Rausschmiss Wolf Biermanns aus der DDR zum endgültigen Anlass, sich ebenfalls ausweisen zu lassen. Sie geht mit dem Freund der Mutter in den Westen und beginnt dort peu á peu ihre Musikerkarriere. Sie reist nach London, Amsterdam, Indien, Amerika, begegnet Hermann Brood und vielen anderen Musikerkollegen.

Wer sich auf diese Biographie einlässt, bekommt einige Bibeltexte zu lesen, mit denen „Bekenntnisse“ durchgängig durchwoben ist. Man erhält Einblick in das ungewöhnliche Leben der zweifachen Mutter und Godmother of Punk Nina Hagen, – auf der Suche nach Liebe und Sinn. Hier wird authentisch und humorvoll ein Leben erzählt, über Drogenabsturz, menschliche Verluste, Flucht und Enttäuschung, aber auch das weiche Landen und Finden im christilichen Glauben, der ihr bis heute Mission und Halt ist. Das Buch enthält zahlreiche Fotos und eine übersichtliche Gestaltung in 16 Kapitel, an deren Ende noch ein Nachwort aus dem Himmel folgt. Die beschriebene Zeitspanne: Bis etwa 2006. Literarisch hochwertig ist es nicht, aber das wird vermutlich auch niemand erwarten. Dennoch: Mir hat’s gefallen.

 

© mp

empor.hinein.heraus.gewachsen.

Was kann man dafür, wo man aufwächst? In welcher Familie, an welchem Ort? Gar nichts, es sei denn, man ist Verfechter der Theorie, dass wir uns alle unsere Eltern und die Umstände, in denen wir aufwachsen aussuchen, um daran zu wachsen, um dort zu lernen, um dort etwas hin zu geben. Betrachtet man manche Leben von außen, mag das stimmen. Alles schön, alles easy, alles rosig. Doch bei anderen, kommt dann der Zweifel. Das soll selbst ausgesucht sein? Bei all dem, was der-oder diejenige durchgemacht hat?

Im Roman „Stinkehose“ erzählt der Autor Axel Altenburg seine Geschichte. Er wächst in den 60er Jahren in Berlin auf und ist eines von vier Kindern, – vier Jungs und ein Vater, der trinkt und schlägt und eine Mutter, die mehr oder weniger erfolgreich versucht, diese Familie eine Familie sein zu lassen. Der Protagonist wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, das Geld reicht zum Essen nicht, an manchen Tagen laufen die Kinder herum mit nur heißem Wasser im Bauch, sonst nichts, weil nichts da ist. Die Möbel fallen fast auseinander, der Vater schlägt und säuft, die Mutter will sich irgendwann das Leben nehmen. Eins der Kinder macht in sein Bett und erfährt dafür Schläge und Verachtung des Vaters. „Epilepsie aufgrund von Missbrauch“ diagnostiziert ein Arzt. Missbrauch erfährt auch Axel, als er zum Urlaub machen in den Ferien weggeschickt wird. Er freut sich auf die Zeit, mal raus Zuhause, neue Umgebung und Menschen, regelmäßiges Essen. Doch dann geschieht das Unfassbare.

Die Kinder sind allein in dieser Familie und halten doch zusammen, auch die Erwachsenen sind allein und doch ist das hier eine Familie. Eine, sich irgendwie durchwurschtelt, die irgendwie versucht Oberwasser zu bekommen, doch es fehlen die Mittel. Doch sie geben nicht auf, lassen es schleifen oft, dann passiert wieder etwas, weil zu lange gewartet und nicht gekümmert wurde. Es geht immer weiter, trotzdem, trotz allem, die Kinder werden größer, werden älter, die Hoffnung bleibt, dass es besser wird. Weihnachten bekommt jeder ein kleines Geschenk, die Oma macht Weihnachtsteller und Heiligabend säuft der Vater nicht. Als ein paar Gäste kommen, um gemeinsam Silvester zu feiern, kauft der Vater stolz eine Musiktruhe, die niemand berühren darf außer ihm. Doch dann ist es der kleine Sohn, der dem Vater das technische Gerät erklären muss. Als die Gäste dann kommen, wird Familie „gespielt“, wie es häufiger geschieht, sobald jemand anders zu Besuch kommt, dem man nicht sagen möchte, wie es wirklich bestellt ist, um diese Familie.

Dieser Roman ist grandios geschrieben. Eine schöne Sprache, die man angesichts obiger und weiterer Zu-und Umstände vermutlich eher nicht erwarten würde. Hinter all der Gewalt, Verachtung Zuhause und der Ausgrenzung, die die Familie fast überall erfährt, auch die Kinder in der Schule, gibt es doch etwas wie den Versuch menschlicher Wärme, den Versuch von Zusammenhalt. Gewiss, diese Familie und deren Leben ist sicher nicht die Regel, eher die Ausnahme, doch es gibt sie. Es gibt sie, die Menschen, die irgendwo aufwachsen, und irgendwo raus wollen, die ganz allein sind oder sich so fühlen. Die ein anständiges Leben wollen, eines, in dem sie Wertschätzung erfahren und Unterstützung. Eines, in dem „wenigstens“ Grundbedürfnisse nach Wasser, Essen, Wärme, Liebe und Freundschaft gestillt werden.

Axel Altenburg hat ein Buch geschrieben, das ich sehr empfehlen möchte. Manchmal muss man es zur Seite legen, um all das zu verdauen. Wie unterschiedlich doch Lebenslinien verlaufen. Wie unterschiedlich doch das ist, was Menschen zu (er-)tragen haben. Und wie unterschiedlich mit alldem umgegangen wird.

 

© mp

Hier noch ein paar Infos zum Roman, auch eine Leseprobe:

http://www.klingenstein-verlag.de/stinkehose.html