ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Tag: Sprache

seid nicht still

die worte sind verwundet, immer noch. unruhig gehen sie umher, wollen ins freie, doch unterwegs bricht ihnen oft die kraft weg. ein hörbares japsen im innern, das bedürfnis sich mitzuteilen. trotz allem aufstehende, die nicht aufhören wollen, nicht schweigen wollen. müde wirken sie, ihr rufen wird zunehmend leiser, doch es verstummt nicht. der austausch an inneren schwellen. gespräche, die nicht auf dem papier stattfinden. innere dialoge. sprechversuche. worte, die innerhalb und über grenzen gehen, wissen wollen, sagen wollen, worte, die sich wandeln, erneuern, stärken, zurück laufen und wieder los. können wir hier? wenigstens hier sagen, was wir? ja, sage ich ermutigend. sprecht. seid nicht still. wirklich?, fragen sie ungläubig. wirklich, sage ich. ich höre euch. ich fühle euch. und ich will wissen, was ihr mitzuteilen habt. und auch eure fragen will ich wissen.

© mp
tagebuchnotizen, 30.01.2022

Liebe

„In einem herzlichen Satz ist genügend Liebe für drei Winter.“ (Laotse)

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in schweren zeiten

wie leicht muss ein wort sein
wenn alles schwierig erscheint
muss es leicht sein
um zu erleichtern
darf es auch schwer sein
oder beschwert es dann
noch mehr

ist ein leicht dahin gesagtes
wort vielleicht
eine erleichterung
oder muss es schwer
gewichtig sein
damit es leichter wird

ist es vielleicht leichter
kein wort zu verlieren
und nur anzunehmen
und nur zuzuhören
was der andere sagt

wie leicht ist es
etwas schweres zu hören
und wie schwer ist es
etwas zu sagen
das sagt sich so leicht
das sagt sich nicht leicht

wie leicht muss ein wort sein
wenn alles schwierig erscheint
muss es leicht sein
um zu erleichtern
darf es auch schwer sein
oder beschwert es dann
noch mehr

© mp

Sprache

Jeder Mensch hat seine eigene Sprache.   (Novalis)

Von der Sprache

Sprache sind nicht einfach nur Worte. Sprache ist Ausdruck, ist Mitteilen, ist Teilen. In den letzten Monaten ist mir die Sprache irgendwie abhanden gekommen. Nicht, dass ich das Schreiben oder Sprechen verlernt hätte, doch ich habe etwas verloren. Nicht die Worte waren es, es war eine Fähigkeit. Konnte nicht sagen, was ich meinte, trotz zahlreicher Versuche. Versuchte immer wieder, immer wieder, doch es war, als verberge sich die Sprache vor mir und dem, was ich mitzuteilen versuchte. Ich geriet in Schwierigkeiten, in innere Not. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass ich mich nicht zwingen, nicht drängen darf, also ließ ich los, ruhte aus. Und versuchte wieder und wieder. Und scheiterte, wieder und wieder. Es wurde mir manches klar auch in diesem Scheitern. Obgleich manches klar war, fanden die Worte und das Unausgesprochene nicht zueinander. Ein Dilemma. Ein schmerzhaftes Dilemma, das ich nur kleinschrittig lösen konnte. Vielleicht ist manchmal Stillsein die Beste aller möglichen Antworten. Manches muss sich vielleicht erst Setzen, wie aufgewirbelter Sand auf dem Meeresgrund. Das Zeichnen hat im Moment das Schreiben eingeholt. Nun sitze ich bei geöffnetem Fenster und sehe draußen die Sonne. Vögel, die durch die Frühlingsluft fliegen. Den blauen Himmel. Keine Wolken. Alles strahlt, alles ist hell, ich will zuversichtlich sein. Die Worte und ich, wir werden wieder zueinander finden. Irgendwann wird sich die Türe wieder öffnen, auch zu den Bereichen, die sich noch nicht mit Worten verbinden können. Die verwundeten Stellen. Ich weiß, dass Worte Ungutes bewirken können, wie auch Gutes. Auch, dass das Schweigen Ungutes bewirken kann, wie auch Gutes. Es braucht alles Zeit. Zeit zum Reifen, Zeit zum Wachsen, Zeit zu verstehen, zu erkennen und das Erkannte umzusetzen. Ich will geduldig sein und hoffe, dass andere geduldig mit mir sind, die mein Schweigen, wie auch mein Sprechen berührt und bewegt. Auch diese Seite kenne ich, dem Schweigen ausgesetzt sein. Manchmal habe ich es persönlich genommen, war es manchmal vielleicht auch. Inzwischen weiß ich, dass aber auch der andere leidet, wenn er bewegt ist und sich nicht mitteilen kann.

© mp

Malen und Schreiben

Kafka hat auch gezeichnet. Daran muss ich oft denken. Ich mag die minimalistischen Bilder, die er angefertigt hat. Beim Malen ist manches gleich, manches anders, als beim Schreiben: So wie ein Wort einen Satz ruinieren kann, entscheidet jede Linie, die ich mit dem Stift aufs Papier ziehe, ob mein Bild gelungen oder misslungen ist, ob es detaillierter, tiefer in der Wirkung oder überladen ist, ob es zu viel Zeichnung oder falsche Proportionen hat, ob es „getroffen“ ist oder dran vorbei. So übe ich mich gleichzeitig im Sehen, während ich zeichne. Übermittle, was ich erkannt habe, vom Auge an die Hand. Sehe, wie sich mein Motiv auf dem Papier entwickelt, ob die Hand verstanden hat, was Auge und Kopf meinten. Immer wieder lege ich Pausen ein, halte das Skizzenbuch etwas weiter weg, bevor ich weiter zeichne. Sorgsam führe ich den Stift, während ich das Motiv wieder und wieder betrachte, riskiere eine Linie, behutsam, schnell, wie es will, einen Strich, einen Punkt, Linien, Kringel, Kreise. Manchmal Seufzer mittendrin: „Ah, der war zu viel! Nun habe ich es ruiniert! Sofort sehe ich es. Anders als beim Schreiben ist sofort erkennbar, wo etwas gut getroffen ist, wo etwas gelungen ist, oder wo etwas auf dem Papier zu viel, zu groß, zu klein, zu breit, zu schmal, zu schwarz ist. Ob die Nase zu lang, das Ohr zu schief, die Augenbrauen sind, wie die des Modells, die Lippen, der Bart. Muss ich jede Falte, jede Form übernehmen? Wie viel Freiheit nehme ich mir beim Zeichnen bei „meiner Version des Modells“? Schließlich will ich nicht fotografieren, sondern eine Zeichnung anfertigen. Wie möchte ich umsetzen, was ich sehe? Kann ich es schon? Welche Farben will ich verwenden, welche Technik ausprobieren? Muss das Ergebnis Ähnlichkeit haben mit dem Original, muss es erkennbar sein? Ich übe und kann im Skizzenbuch sehen, dass ich im Verlauf dieser Woche schon kleine Fortschritte gemacht habe, dass manche Erkenntnis verinnerlicht die Umsetzung auf dem Papier noch sucht, manche schon angekommen ist, doch das heißt noch nicht viel: Beim nächsten Bild fange ich wieder von vorne an, aber vielleicht doch nicht ganz von vorn. Jedes Bild ist weiteres Üben und Lernen, so wie jeder geschriebene Text, wie jedes Gedicht, auch. Es ist eine Annäherung an die Realität oder Phantasie, an ein Gefühl, eine Stimmung, Erfahrung, Idee, an ein Objekt oder Subjekt, an einen Moment oder eine Geschichte. Es ist der Versuch, auf unterschiedliche Art und Weise, nämlich Sprache oder Farbe, etwas Neues von Innen nach Außen, also in die Welt zu bringen. Wiederholen heißt lernen und so, wie man lernen muss zu schreiben, immer wieder dieselben Spazierstöcke aufs Papier malt, bis die Hand locker genug ist, dass man ein m oder n schreiben kann, so gilt das mit dem Wiederholen auch fürs literarische Schreiben und auch fürs Malen. Es entwickelt sich, indem man es tut.

© mp

herbstbellen

vor dem fenster geht ein hund, der mit seinem herrchen spazieren geht: herrlich, geht die kunde, mit dem hund im herbst für eine stunde eine runde lässig durch die gassi gassi gehen lassen. glück erfassen: menschen sehen, durch die herbstluft gehen. aus dem fenster spähen, auf zehenspitzen stehen. meine eine katze kratzt sich am kratzbaum, die andere liegt schlummernd auf dem sofa. neben dem napf katzencracker, leckerschmecker. ich höre tendenziell die musik von tender im moment. moment! miaut die kleine katze, obgleich ich ihr frühstück längst serviert habe; ich verstehe – es fehlt noch etwas zum glück – das kraulen! kaum kraule ich sie, folgt das schnurrige geräusch, es schnurrt sich kopfüber in die musik und in mich hinein, da springt die katze vom boden hoch, direkt aus der hocke hoch auf den schreibtisch und legt sich kopfüber auf die tischplatte. hold on a minute, singt tender und ich kraule die schreibtischkatze. die katze streckt ihre tatzen in die luft, ich tippe in die tasten, taste mich in den tag, die worte tönen: einkaufen aufm markt. lebensmittel fürs mittagessen nicht vergessen: ich will noch mal malen. ich male mir aus, wie ich später male. wird schön sein wenn ich male, male ich erstmal aufs papier – diesmal mit worten. die vorfreude freut sich wortreich auf den farbenfroh gefärbten vormittag, mittag, nachmittag, abend. erquickend und labend, nein, nicht verausgabend. freude spricht durch die sprache der farben, freut sich die sprache: farben lachen funkelndfroh! die farben geben eine vorstellung, die vorfreude der farben färbt sich vielfach farbenfroh. inneres farbenexplodieren und applaudieren. draußen hupt hauptsächlich ein auto die hauptstraße entlang. automatisch fenster schließen, blumen gießen. worte sprießen, worte und farben fließen aus freude und phantasie aufs papier. bilder genießen, gießen in gedichte und prosa, behände malen die hände auf leinwände. worte und buchstaben haben eigne farben, laben sich an meiner phantasie, ich schreibe wie sie mich durchwandern, mich erkunden, ich sie, für stunden, wieder ein neues wort gefunden, in den text eingebunden. ab mittag malen für stunden. phantasie und wort-und farbenwelt auf der leinwand erkunden.

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(tagebuchnotizen, ende oktober 2018)

vom lesen

worte die mich erreichen
andere nicht
& ich weiß warum
manche diese kraft haben
andere nicht
auch meine eigenen worte
sind nicht immer kraftvoll
ich spüre es
wenn ich schreibe
& im selbstgespräch
so wie heute
wo ich mich müde fühle
& kraftlos ich
mich nach ausruhn sehne
& nach einem guten gespräch
mit dir

© mp

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“Der Schriftsteller muss Wind in die Segel kriegen, er braucht eine Glücksader, und er muss eine Phase erwischen, in der die Worte zu ihm kommen und sich die Sätze ausbalancieren.”

(Robert Louis Stevenson)

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haft.cremissimo.der.sprache.

wohn-haft. das klingt so nach: eingezäunt. licht-versäumt. ausgeträumt. wohn-haft. haft. wessen hast du dich schuldig, schul-dich, strafbar gemacht? ich? ich habe einen atemzug getan, der hat jemanden überrollt. ist er tot? ich weiß es nicht. sie interviewen ihn noch. wohn-haft. es haftet wer am leben und lebt in einer wohnung und wohnt in einer küche, einem bad, einem wohnzimmer und einem schlafzimmer. die blumen werden gegossen. postkarten an die wand geklebt. die rechnungen pünktlich bezahlt. in der küche stehen frische kräuter. hier wird gekocht. kein hausmann kost.et. auch keine hausfrauenkost. es kostet was, wenn man es sich was kosten lässt. ein habicht kostet den flug der freiheit. aus. lässt der habicht nicht vom flug, wird der flügel müd genug. wo wohnt der habicht? sagt der auch: ich bin wohn-haft auf eiche 18. seitenast. vierter baum von links? wohn-haft, das klingt nach: eingezäumt. licht-versäumt. ausgeträumt. die sprache hat worte, da fehlen den worten die worte und sind ganz sprachlos in der sprache. der sprache haftet etwas an. da haben wir es ja schon wieder. überall diese seltsamen worte. guck mal, da oben, ein habicht! hab ich das nicht gerade gesagt? hab-ich-t-nicht.

© mp