ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Tag: Poesie

mitte oktober

bedeckt vom herbstlaub
sind die berliner straßen
der wind bläst hindurch
fröhlich flattern die blätter
und lachen auf dem gehsteig

© mp

tanka ist eine japanische gedichtform, die ohne reim auskommt. aus ihr sind haiku und senryu entstanden (5-7-5 silben) und ähnlich in der struktur (5-7-5-7-7). bislang hatte ich nur haikus und senryus geschrieben, da ich eher die freien verse liebe und schreibe, aber diese kleine form reizte mich dann doch irgendwann. das ist lange her und nun war ich neugierig auf das tanka. normalerweise geht es in den kleinen gedichten um die natur (haiku und tanka), um besondere momente (und um gefühle im senryu). ich habe das inhaltlich ausgeweitet und in verschiedene thematische richtungen geschrieben, um die form des tanka auszuprobieren. besondere momente gibt es meiner meinung nach nicht nur in der natur da draußen, sondern auch in und mit der natur des menschen. hier habe ich eines ausgewählt, das zur jahreszeit passt. viel freude beim lesen.

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gedicht

dies ist kein gedicht
hier stehen nur
ein paar worte herum
die mir aus dem stift
gefallen sind
niemand hat sie
weggeräumt
deshalb stehen sie hier
und tun so
als seien sie
ein gedicht

©mp

irgendwo

irgendwo
vielleicht eine insel
vielleicht im kopf
oder herzinnen
irgendwo
fühlen und denken
irgendwo
ist einer
mir insel
irgendwo
im herzen verinselt
du

©mp

da_sein (gewidmet)

du bist da
& nicht da
ich bin hier
& nicht da
& jetzt
bist du hier
um zu sehn
ob ich da bin
also hier
da bin ich
doch hier
bin ich nicht
ich bin bei dir
der du
nicht da bist
der du nicht
hier bist
bei mir

© mp

 

(25.04.2022)

bewegt

das jahr ist müde
geworden
die tatzen blättern
ausgestreckt & träge
durch die bäume
dann legt es sich
in seinen letzten stunden
behutsam schlafen
ein seufzen geht durch
die leichte winterluft
bald ist es vergangen
es wartet schon
das neue jahr

© mp

eilig

der paketbote war eben da
es liegt noch
die orange
auf dem regal im flur
ich wollte sie ihm schenken
denn die nikoläuse sind alle
er gab mir ein paket
für mich und eines
für meinen nachbarn
ich nahm sie an
stellte sie hin
griff die orange
schaute in den flur
kein mensch zu sehen

© mp

versuche

ich vermisse meine gedichte
es ist wirklich so
die zeit hat meinen worten
den boden unter den füßen.
hier und da der versuch
etwas festzuhalten
ein bild
ein eindruck
ein gefühl
dann verwischt wieder alles
wie im nebelschleier.
doch die worte wollen
und ich lass sie dürfen.
einen anfang machen
ist wichtig
immer wieder.

© mp

pfade

der faden
der sich in den tag legt
sich hindurchzieht

der faden
den wir nicht verlieren
wollen

aus unseren augen
der faden
der reißt

und wir
wie ausgefädelt
versuchen

den faden wieder
aufzunehmen
wieder anzuknüpfen

© mp

vielleicht

vielleicht war ich zu früh
vielleicht war ich zu spät
vielleicht war ich zu schnell
vielleicht war ich zu langsam
vielleicht habe ich zu viel gesagt
vielleicht zu wenig
vielleicht war ich zu laut
vielleicht zu leise
vielleicht war ich zu ungenau
oder zu genau
vielleicht war ich zu ungeduldig
vielleicht zu zaghaft
vielleicht war ich an der falschen stelle
vielleicht an der richtigen
vielleicht stimmte die zeit nicht
vielleicht war es der beste zeitpunkt
vielleicht ist es schlimmer als es je war
vielleicht wird es schöner als alles
vielleicht sehe ich nicht klar
vielleicht ist alles gut

© mp

ein gedicht ist arbeit

ein gedicht ist arbeit. mehr oder weniger. arbeit ist es immer, ist die frage, was es kostet. also außer zeit. herzblut vielleicht. sich in etwas vertiefen, das innerlich oder äußerlich ist. es ist immer etwas, das etwas erfordert. dazu gehört nicht nur das sich-hinsetzen, es gehört dazu auch das aufstehen, innen. dies zu beschließen reicht aber noch nicht, man muss noch etwas mehr aufwand betreiben. so wie der sportler sich vorher dehnt und streckt, verhält es sich auch beim dichten. manchmal muss man erst mal die worte locker machen, oder ein thema. weil es vielleicht noch keines gibt. oder eines, das noch nicht greifbar ist. oder gerade nicht sein soll und stattdessen sucht man ein anderes. oder, indem man einfach festhält, was die gegenwart bereithält, was gegenwart ist.
hier jedenfalls ein paar „dehn-und streckübungen auf dem papier“ von einer dichterin, die ich bin. haha. normalerweise bleibt das nur bei mir, für mich behalte ich das, heute mache ich das mal anders. ihr dürft mitlesen, teilhaben, ein kleines bisschen habe ich es bearbeitet, so dass es für mich gut klingt. ich hoffe, es gefällt euch. ich hatte jedenfalls spaß dabei und daran.

I

die vögel singen
was sollten sie sonst auch tun
außer auf dem ast zu sitzen
und dort auszuruhn

© mp

II

die vögel singen
vor allen dingen
früh im chor
uns allen etwas vor
schöne frühlingslieder
es fährt uns in die glieder
jedenfalls den wachen
die schon spaziergang machen
die vögel singen weiter
ohje das wird noch heiter
wenn das den tag so weiter geht
zeigt es dass es auch heiter geht

(dazu ein südwind nordwind weht)

© mp

III

verzeihung dass ich petze
sie schreiben halbe sätze

© mp

IV

was macht ein dichter ohne worte?
er isst ein stückchen apfeltorte.

© mp

V

und vor dem fenster: dauerregen
der bringt ja bekanntlich segen
doch angesichts der wetterlage
bleibt präsent doch eine frage:
gut ein segen doch für wen
das muss man freilich erst verstehn
meint es den landwirt oder bauer
den dichter oder regenschauer

© mp

IX

die menschen hab ich irgendwann verstanden
das kam mir unterwegs jedoch abhanden
nun ist mir diese spezies häufig
mit ihrer art sehr ungeläufig

© mp

X

das glück ist eine große nummer
das gegenteil: der große kummer
da gibt’s noch irgendwas dazwischen.
wenn die vom schicksal beides mischen.

© mp

verquer

überall sitzt mir das virus
im kopf in meiner sprache
im radio in den geschäften
auf der straße tag und nacht
maskiert überall zahlen
es ist zum verzweifeln
ich kann kein gedicht schreiben
nicht darüber und nicht darunter
nicht hier und jetzt und überhaupt
ich kann nicht
die worte kämpfen miteinander
ich kann nicht nur das eine
sagen will doch soll doch ganz
und alles ach
ich kann nicht
ich kann überhaupt nichts sagen
ich kann überhaupt nichts schreiben
die worte rasen durch mich
ich schreie
ich kann überhaupt nichts tun
nicht mal ein gedicht kann ich schreiben

© mp

elfchen im zwölfchen

o.t.

poesie
ist träumen
auf dem papier
in worten baden möglichkeiten
leben

© mp

knurren

ich habe einen kater
der schnurrt und brummt
irgendwas brütet er aus
in seinem letzten leben
war er vielleicht
ein huhn oder vogel
kreisend über allem
doch jetzt liegt er müde
im sessel
irgendwas hängt schief
unter dem himmel
singt der vogel in ihm
die menschen verlieren
ihren mund
ihre sprache
klingt mürbe
ich bemühe mich
um ein gedicht
die worte werden
schwerer und schwerer
hoffentlich zerbrechen sie nicht

© mp

nur einer

es waren zwei doch
es kann nur einer sein
es wählten viele
es zählten viele
es konnte nur
einer sein
nur einer der
biden

© mp

… und staune

ich übe mich
im zeichnen
im moment
mag ich am liebsten
gesichter

ich sehe eines an und
schicke was ich sah
in meinen stift

während ich linien ziehe
überkreuz und schlängelnd
kurzgezogen und weitoffen
umkreise ich das werdende wesen
und nähere mich

ein gesicht steht auf
und entwickelt sich
auf meinem papier beginnt
etwas zu leben das sich mir
mit jedem strich mehr
zu erkennen gibt

es schaut mich
vom papier aus an
und ich staune zurück
und lächle
zufrieden

© mp