ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Tag: Menschen

ein gedicht ist arbeit

ein gedicht ist arbeit. mehr oder weniger. arbeit ist es immer, ist die frage, was es kostet. also außer zeit. herzblut vielleicht. sich in etwas vertiefen, das innerlich oder äußerlich ist. es ist immer etwas, das etwas erfordert. dazu gehört nicht nur das sich-hinsetzen, es gehört dazu auch das aufstehen, innen. dies zu beschließen reicht aber noch nicht, man muss noch etwas mehr aufwand betreiben. so wie der sportler sich vorher dehnt und streckt, verhält es sich auch beim dichten. manchmal muss man erst mal die worte locker machen, oder ein thema. weil es vielleicht noch keines gibt. oder eines, das noch nicht greifbar ist. oder gerade nicht sein soll und stattdessen sucht man ein anderes. oder, indem man einfach festhält, was die gegenwart bereithält, was gegenwart ist.
hier jedenfalls ein paar „dehn-und streckübungen auf dem papier“ von einer dichterin, die ich bin. haha. normalerweise bleibt das nur bei mir, für mich behalte ich das, heute mache ich das mal anders. ihr dürft mitlesen, teilhaben, ein kleines bisschen habe ich es bearbeitet, so dass es für mich gut klingt. ich hoffe, es gefällt euch. ich hatte jedenfalls spaß dabei und daran.

I

die vögel singen
was sollten sie sonst auch tun
außer auf dem ast zu sitzen
und dort auszuruhn

© mp

II

die vögel singen
vor allen dingen
früh im chor
uns allen etwas vor
schöne frühlingslieder
es fährt uns in die glieder
jedenfalls den wachen
die schon spaziergang machen
die vögel singen weiter
ohje das wird noch heiter
wenn das den tag so weiter geht
zeigt es dass es auch heiter geht

(dazu ein südwind nordwind weht)

© mp

III

verzeihung dass ich petze
sie schreiben halbe sätze

© mp

IV

was macht ein dichter ohne worte?
er isst ein stückchen apfeltorte.

© mp

V

und vor dem fenster: dauerregen
der bringt ja bekanntlich segen
doch angesichts der wetterlage
bleibt präsent doch eine frage:
gut ein segen doch für wen
das muss man freilich erst verstehn
meint es den landwirt oder bauer
den dichter oder regenschauer

© mp

IX

die menschen hab ich irgendwann verstanden
das kam mir unterwegs jedoch abhanden
nun ist mir diese spezies häufig
mit ihrer art sehr ungeläufig

© mp

X

das glück ist eine große nummer
das gegenteil: der große kummer
da gibt’s noch irgendwas dazwischen.
wenn die vom schicksal beides mischen.

© mp

sehen und erkennen, es richtig benennen

verstehen, sich, einen anderen und wie das eine ins andere greift. das, was ich begreife, kann in dich greifen, auf dich greifen, übergreifen, reifen. ich verstehe mich, also kann auch ich dich verstehen, begehen, mit dem, was ich sehe. verstehen heißt sehen, heißt erkennen, benennen, manchmal: flennen, auch: [weg-]rennen. manches tut weh, wenn ich es seh sagt etwas: geh! ich verstehe mich gut, sehen braucht mut, ich sehe mich neu an dir, manches seh ich zuerst an dir, dann auch an mir. ich verstehe mich gut mit dir. manches erkenn ich, manches auch nicht. ich verstehe dich nicht, ich sehe dich, doch ich erkenne dich nicht, etwas verstellt mir die sicht. sehen heißt manchmal auch nicht zu erkennen oder falsch zu benennen, weil im sehen etwas steht, das nicht vergeht. oder es wandelt sich und geht von mir zu dir oder von dir zu mir. wer und was gehört zu mir? erkennen, nicht alles ist zu sehn, manches muss erst gehn, bevor wir es sehn. dann sagen wir: das war schön oder unschön. schön ist, was wir mit liebe sehen, doch manches ist und bleibt nicht schön. manchmal muss man einsehn: ich kann nicht alles verstehn oder auch: ich kann es sehn, ich kann es verstehn, doch ich muss gehn.

© mp

 

in der frühe

der frühe morgen beginnt, bevor der wecker an meinem traum rüttelt. im gewühl des bettes noch die reste des letzten tages. traurigkeit, die sich aus der nacht in den neuen tag rettet. es regnet, die welt wird gewaschen. die bäume beobachten das blinkende orangefarbene licht vom wagen der berliner stadtreinigung. am morgengrauen himmel die ersten frühlingsvögel. am schreibtisch der gescheiterte versuch eines gedichtes. auf dem kalender wird heute robert musil aus dem mann ohne eigenschaften zitiert, der die muskelkraft eines bürgers, der einen tag lang ruhig geht, als bedeutend und größer als die eines athleten beschreibt. die katze miaut, als sie ins zimmer kommt. es regnet immer noch. ein paar dunkle anoraks gehen mit gesenktem kapuzenkopf am fenster vorbei. dahinter ein radfahrer in gelber regenjacke. irgendwo hunde, die mit menschen spazieren gehen. dieser donnerstag fühlt sich an wie ein montag, doch es ist tatsächlich donnerstag. und es ist ende januar, der sich schon anfühlt wie frühling.

© mp

Von der Sprache

Sprache sind nicht einfach nur Worte. Sprache ist Ausdruck, ist Mitteilen, ist Teilen. In den letzten Monaten ist mir die Sprache irgendwie abhanden gekommen. Nicht, dass ich das Schreiben oder Sprechen verlernt hätte, doch ich habe etwas verloren. Nicht die Worte waren es, es war eine Fähigkeit. Konnte nicht sagen, was ich meinte, trotz zahlreicher Versuche. Versuchte immer wieder, immer wieder, doch es war, als verberge sich die Sprache vor mir und dem, was ich mitzuteilen versuchte. Ich geriet in Schwierigkeiten, in innere Not. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass ich mich nicht zwingen, nicht drängen darf, also ließ ich los, ruhte aus. Und versuchte wieder und wieder. Und scheiterte, wieder und wieder. Es wurde mir manches klar auch in diesem Scheitern. Obgleich manches klar war, fanden die Worte und das Unausgesprochene nicht zueinander. Ein Dilemma. Ein schmerzhaftes Dilemma, das ich nur kleinschrittig lösen konnte. Vielleicht ist manchmal Stillsein die Beste aller möglichen Antworten. Manches muss sich vielleicht erst Setzen, wie aufgewirbelter Sand auf dem Meeresgrund. Das Zeichnen hat im Moment das Schreiben eingeholt. Nun sitze ich bei geöffnetem Fenster und sehe draußen die Sonne. Vögel, die durch die Frühlingsluft fliegen. Den blauen Himmel. Keine Wolken. Alles strahlt, alles ist hell, ich will zuversichtlich sein. Die Worte und ich, wir werden wieder zueinander finden. Irgendwann wird sich die Türe wieder öffnen, auch zu den Bereichen, die sich noch nicht mit Worten verbinden können. Die verwundeten Stellen. Ich weiß, dass Worte Ungutes bewirken können, wie auch Gutes. Auch, dass das Schweigen Ungutes bewirken kann, wie auch Gutes. Es braucht alles Zeit. Zeit zum Reifen, Zeit zum Wachsen, Zeit zu verstehen, zu erkennen und das Erkannte umzusetzen. Ich will geduldig sein und hoffe, dass andere geduldig mit mir sind, die mein Schweigen, wie auch mein Sprechen berührt und bewegt. Auch diese Seite kenne ich, dem Schweigen ausgesetzt sein. Manchmal habe ich es persönlich genommen, war es manchmal vielleicht auch. Inzwischen weiß ich, dass aber auch der andere leidet, wenn er bewegt ist und sich nicht mitteilen kann.

© mp

🎄 🎄🎅🎄 🎄

bald ist weihnachten. es ist schon ganz nah. nur noch vier tage. bestimmt habt ihr schon alle geschmückte räume, adventskränze, weihnachtsplätzchen, vielleicht auch duftlämpchen und lichterketten. die einzige weihnachtsdeko dieses jahr in meiner wohnung ist ein weißer papierstern, den ich gestern ins fenster gehängt habe. die stadt hingegen ist lichterfroh geschmückt. runde, große, strahlende kugeln aus licht, die bäume darstellen. lichterketten quer über die straßen aufgereiht. der fliehende duft von glühwein. weihnachtsbuden. zimtsterne, vanillekipferl und viele, viele buntgeschmückte weihnachtsbäume. jetzt mache ich auch ein bisschen weihnachtsstimmung hier im blog für alle, die noch nicht davon infiziert sind (so wie ich). spritzgebäck. schokoprinten. marzipan. (merkt ihr schon was?) jeder satz bekommt nun lametta. dies ist ein vorweihnachtlicher, glitzernder lamettasatz. ha! fühlt euch heimelig und warm und wohl. und wenn ihr nicht feiert, macht es euch schön. geht spazieren. nehmt den fotoapparat mit. tanzt. lacht. esst. verabredet euch. redet oder schweigt. hört musik. schreibt briefe. lest briefe oder die bücher, die ihr die ganze zeit schon lesen wolltet. (tomas espedal zum beispiel). macht einfach, wozu ihr lust habt. ich wünsche euch schöne, besinnliche und frohe weihnachten. merry christmas. eure wolkenbeobachterin. 🎅

wieder da

ich kam dir
am morgen entgegen
so verändert
wie ich war
sahst du mich
zögerlich an
vielleicht
warst du nicht
sicher
ob ich es bin
ich sah es
in deinen augen
dieses blitzen
des erkennens
wie ein wieder
hergestellter
kontakt du
lächeltest
& ich lächelte
zurück

© mp

was ich mache, wenn ich nicht blogge …

die hälfte der gemalten bilder von vorgestern und heute. (zum gucken für joachim und alle die es interessiert)

 

 

 

über.brücken

ich kannte mal einen

der flehte mich an
eine brücke zu bauen

während ich es tat
zündete er sie an

© mp

bewegungen

wie sie auf der straße stehen und sprechen. eigentlich kennen sie sich nicht, sind sich hier und da über den weg gelaufen, wohnen in derselben gegend, hatten immer wieder einen kurzen gruß und ein paar worte gewechselt. und dann trafen sie tage später zufällig wieder aufeinander, blieben stehen, hörten einander zu, tauschten sich aus, gingen immer tiefer in themen, die sie angingen und beschäftigen und am ende umarmten sie sich sogar. es fühlte sich vertraut an und die gegenseitige offenheit tat gut.

© mp

gut.haben

guthaben. du hast es gut.
etwas gut haben bei jemandem,
dem man gut war,
dem man gut ist.

du hast ein guthaben bei mir,
ich habe ein guthaben bei dir.
wir füllen unsere konten
regelmäßig auf.

wir sind und geben uns guthaben.
wir sind und tun einander gut.
es tut gut guthaben zu haben.

wir haben es gut.
uns geht es gut.
es gut haben heißt oft
liebgehabt zu sein.

© mp

Do.what.you.love.

Ver.ände.rungen.

Alle Veränderungen, sogar die meist ersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können.

(Anatole France)

Aufmerksamkeit. Achtung. Respekt.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

The Fault in Our Stars (John Green)

Im letzten Jahr habe ich den Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green gelesen. Ein Buch, das aus Sicht der 16jährigen Hazel Grace, krebskrank, erzählt wird. Hazel Grace ist Einzelkind, lebt mit ihren Eltern in Amerika und hat beschlossen, sich zurück zu ziehen von allem, soweit möglich. Es gibt ein Buch, „Ein herrschaftliches Leiden“ von Peter van Houten, das sie immer wieder liest. Die Geschichte fasziniert sie, wie die Personen darin. Hazel Grace‘ Mutter möchte, dass ihre Tochter glücklich ist und Freunde um sich hat. Deshalb bringt sie sie zu einer Selbsthilfegruppe, der sich Hazel nur widerwillig anschließt. Eines Tages taucht dort Augustus Waters auf, den alle „Gus“ nennen, der gekommen ist, um einen Freund zu begleiten. Gus‘ hatte auch Krebs, Knochenkrebs, und dadurch ein Bein verloren. Er und Hazel freunden sich an und eine innige Bindung entsteht, in der beide sich einander nach und nach öffnen, ihre Lieblingsbücher austauschen, diskutieren, Filme sehen, Zeit miteinander verbringen. Hazel genießt die Zeit, beschließt schließlich, sich von Gus zurück zu ziehen, da sie sterben wird. Sie möchte, dass er sie vergisst und möchte ihn vergessen, doch es gelingt nicht. Die beiden finden wieder zueinander, und beschließen nicht nur, Freunde zu sein, sondern auch der Einladung des Schriftstellers van Houten nach Holland zu folgen, doch dann erleidet Hazel plötzlich eine Lungenentzündung und die Ärzte raten vom Besuch in den Niederlanden ab. Mehr  möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, aber ich möchte eine Empfehlung aussprechen: Sowohl für das großartig geschriebene Buch, als auch für die filmische Umsetzung dazu. Unbedingt ansehen! Unbedingt lesen! Und: Taschentücher nicht vergessen.

 

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© mp

Über.Wolken.und.Michael.Krüger.

Es gibt Menschen, denen begegnet man gerne, die machen das Leben besser. So einer ist er: Michael Krüger. Aber ich fange mal ganz von vorne an. Am Anfang schuf Gott die Wel… – also gut, vielleicht nicht so weit vorne. Gestern. Gestern bin ich hingefahren nach Leipzig. Mit meinem treuen und verlässlichen Begleiter, mit dem ich noch Streit bekommen sollte. Dazu später mehr. Erstmal ging es auf die Reise. Ich hatte mir den Gedichtband von Michael Krüger eingepackt, eine Flasche Wasser für unterwegs, Musik von anno Dunnemol und die Reise konnte am Nachmittag beginnen. Ich sagte wohin es gehen soll und dann ging es los, fuhr es los, ich fuhr los, wir fuhren los. Juchu! Raus aus der Stadt, rauf auf die Autobahn. Ich hatte ewig nicht mehr Peter Murphy gehört („A strange kind of love“), ewig nicht mehr Sisters of Mercy („More“), ewig nicht mehr Midnight Oil („Beds are burning“). Ich sang mit Midnight Oil, Peter Murphy, Peter Gabriel, Billy Joel, mit den Talking Heads uvm. und musste irgendwann die Autobahn verlassen, weil es eine große Baustelle und Umleitung gab. „Bela Lugosi is dead.“ Das Wetter war gut, die Vorfreude war groß, der Himmel sagte mir freundlich „Hallo“ und dass ich erwartet würde. Guckst Du hier – extra für mich:

sky up above

sky up above

Ich brauchte länger als gedacht, wegen der Baustellen überall, hier 80 km/h, da 100 km/h, dann wieder nur 60 km/h. Machte aber nichts, ich hatte ja Zeit, die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen, ich hatte gute Musik im Auto, sang mit Inbrunst laut und falsch mit und bald war ich auch schon in Leipzig und wurde freundlichst und optimistisch begrüßt. Guckst Du hier – extra für mich:

Touch the sky

Touch the sky

Yes, I will! Ich fuhr durch die Stadt, erkannte manche Straße, manches Gebäude wieder und fuhr und fuhr. Mein Begleiter meinte, es seien noch 114 Kilometer zu fahren und das würde in etwa 1,5 Stunden dauern. Ich: Was? Wir sind doch schon da! Nö. 114 Kilometer noch und 1,5 Stunden. Ich: Nicht dein Ernst? Er: Noch 114 Kilometer und 1,5 Stunden. Es fing an zu nerven. Ich: Moment mal, das klären wir. Ich fahr mal ran. Natürlich überall enge Straßen, Baustellen, fließender Verkehr, hupende Autofahrer. Da kam ein Standstreifen. Ich rangefahren. „Wir müssen mal reden“. Tasten drücken. Tasten drücken, die man beim anderen kennt. Und eine Reaktion abwarten. Tasten gedrückt, abgewartet. Er: Noch vier Kilometer. Ich: Na also, geht doch! Der gute Mann hatte sich geirrt. Mr. TomTom. Auf nix mehr ist Verlass, also ehrlich.

Es war also nicht mehr weit, ich war bald dort und war begeistert. Das Gebäude war sehr schön, ich hatte es schon mal auf einem Foto gesehen, jetzt konnte ich selbst eins machen, lief einmal herum. Es war umgeben von grün, von Bäumen und einem kleinen Stück Rasen, dahinter eine Bank, auf der eine lesende Frau saß. Ich sah auf die Uhr, es war noch Zeit, ich beschloss, erst mal in die Stadt zu gehen. Dort machte ich ein paar Fotos, aß eine Kleinigkeit und machte mich um 18.30 Uhr wieder auf den Rückweg. Die Lesung sollte um 19 Uhr beginnen.

Als ich ankam, lagen schon ein paar Leute auf dem Rasen, ich wollte mich nicht dazu legen, das war mir zu privat und intim, ich kannte ja niemanden von denen und beschloss stattdessen lieber jemanden anzusprechen und zu fragen, wo die Lesung sei, weil das Gebäude zwar nicht groß war, aber doch mehrere Eingänge und Etagen hatte und die Türen verschlossen waren, als ich es bei meinem ersten Rundgang probiert hatte. Die zwei, die gerade mit dem Fahrrad angekommen waren, wussten es auch nicht. „Wir wollen auch hin.“ Ich sah noch mal zu den auf den Rasen Flezenden, aber nein, nein. Privat. Da hörte ich eine Stimme hinter mir: „Hallo! Komm mal mit, wir wissen jetzt wo es ist!“ Die Frau, die ich eben gefragt hatte, hatte mit ihrem investigativen Begleiter herausgefunden, wo die Lesung stattfand. Wir betraten gemeinsam das Gebäude durch den Haupteingang.

Innen wurde noch gearbeitet, die Getränkeecke wurde aufgebaut, die Mikros wurden getestet, das Fenster geöffnet, die ersten Gäste kamen. Ich suchte mir einen guten Platz. Da also würde er lesen:

his place

his place

Die Mikros waren irgendwann beide getestet, die Schlürfecke aufgebaut, die Leute kamen, der Raum füllte sich mit Menschen, die Stimmen waren erst flüsternd, wurden lauter, es war kurz nach 19 Uhr, jemand hatte, vielleicht zur Beruhigung oder Einstimmung, Musik aufgelegt, leise. Der Moderator setzte sich links von mir hin. Dann kam er! Er, der große Michael Krüger, setzte sich neben den kleinen Moderator. Ich sah rüber, Michael Krüger sah rüber zu mir, ich lächelte, er lächelte. Schnell wieder weg geguckt, gleich würde es los gehen, jetzt den Künstler nicht ablenken, irritieren oder irgendwie lästig werden. Das wäre wirklich das Letzte, was ich wollte, ich wollte ja seinen schönen Gedichten und Worten lauschen.

Der Moderator stellte sich vorne hin und begann von seinem Zettel abzulesen, was es über Michael Krüger zu sagen gab. Zusammenfassend, ein Leben als Lektor und Schriftsteller, Preise, Geburtsort und seine Hand zitterte, der Zettel zitterte und ich dachte: „Müsste ich vortragen, würde ich auch zittern.“

Michael Krüger stand auf und setzte sich an den Tisch und begann ein paar einleitende Worte zu sprechen, auch darüber, wo und wie er aufgewachsen war, in ärmlichen Verhältnissen, aber glücklich. Die glücklichste Zeit seines Lebens nannte er diese Zeit und begann die Lesung mit einem ersten Gedicht.

Beeindruckend, wie routiniert und angenehm jemand lesen kann. Michael Krüger kann. Es gab keinen Applaus zwischen den Texten, aber eine angenehme Ruhe, die sich vom Autor aufs Publikum zu legen schien, er las weiter, erzählte weiter, schweifte ab, kam wieder zurück. Las das nächste Gedicht, über Bäume, vergangene Zeiten, über Orte. Ein solch feiner Beobachter, beeindruckend. Beeindruckend, wie er mit einfachen Worten, soviel Welt zeigen kann, soviel Welt öffnen kann. Schön.

Lange war er in einem Verlag tätig, war Geschäftsführer und hatte in dieser Zeit auch selbst geschrieben, häufig Pflichttexte, häufig hatte er auch Dinge zu tun und zu organisieren, die nicht so interessant waren, Meetings, die er manchmal mit einem Gedicht eröffnete, weil er der Meinung war, dass es die Welt ändern würde, die Sprache ändern würde, würde man alles mit einem Gedicht eröffnen. Frau Merkel im Bundestag, jede Vorstandssitzung irgendwo, Unterricht in den Schulen etcpp. Er hatte diese Idee woanders gehört, für gut befunden und umgesetzt in seinem Rahmen.

Dann las er wieder aus seinen vier Gedichtbänden. Erzählte, dass er ein kleines Holzhaus gekauft habe, in dem es kein Radio gab, keinen Fernseher, ein Ort, umgeben von Wald und Natur, ein guter Ort zum Schreiben. Dann erzählte er, dass er ein besonderes Verhältnis zu einem bestimmten Baum entwickelt habe, ich wusste sofort, was er meinte und er sagte: Vielleicht muss man ländlich aufgewachsen sein, um das zu Verstehen.

Er sprach über den Hund, der an der Eingangstür lag und der ihn amüsierte, also nicht im Gedicht, sondern in dem Raum, in dem wir alle saßen und ihm zuhörten. Ich lachte und grinste sehr viel, Michael Krüger besitzt einen sehr feinen Humor.

Ein paar Menschen verließen irgendwann die Lesung, da sagte er: „Da gehen schon die ersten. Ich kann das verstehen. Ich kann aber nichts anderes schreiben als das.“ Dann sagte er: „Ich lese jetzt mal ein anderes Gedicht, damit sie nicht denken, ich würde nur in meiner Holzhütte sitzen oder mit Bäumen reden.“ Dann las er ein Gedicht über Istanbul vor. Istanbul hatte er vor vielen Jahren mit dem Autor Peter Rühmkorff besucht und auch dazu hat er eine amüsante Anekdote erzählt, obgleich in jener Zeit dort vieles alles andere als amüsant war.

Irgendwann las er noch ein Kapitel aus seinem Roman vor, in dem es um einen Menschen geht, der den Nachlass eines Schriftstellers zu verwalten hat, der selbst aber nie mit Schreiben zu tun hatte. In einem Dialog geht es darum, dass zwei Autoren miteinander sprechen und der eine über seinen Roman erzählt und dass er seit Jahren das zweite Kapitel überarbeitet und überarbeitet und nicht weiter kommt. Dass er sich schon einiges überlegt habe, wie es weiter gehen könne, zum Beispiel, dass sein Protagonist ja in ein Wirtshaus gehen könne und dort essen, aber dort würde er vielleicht abgelenkt, würde sich verlieben in eine Frau und seine Geschichte würde eine Richtung nehmen, die er nicht nehmen wolle. Ließe er ihn aber Zuhause essen, würde er sich in seiner dumpfen Verfassung verheddern und es würde auch nicht weiter gehen. Und plötzlich wurde ihm sein eigener Protagonist zuwider, er konnte ihn nicht mehr leiden, nicht mehr sehen, wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Die Verzweiflung, die Schreibende sehr gut kennen. Ich habe mich geschüttelt vor Lachen, weil ich das so gut kenne – ich habe zwei Romane bislang verfasst. Ich sag besser nichts weiter dazu.

„Sie können mich alles fragen, alles, was sie wollen. Egal was!“, lud Michael Krüger am Ende der Lesung ein, nachdem der Applaus abgeklungen war. Stille. So ist das ja immer. Traut sich keiner. Ich auch nicht. Der Moderator zitterte jetzt nicht mehr, stellte eine Frage, dann nahm alles seinen Lauf. Michael Krüger erzählte, antwortete, ich hörte begeistert zu. „Wenn jetzt niemand mehr eine Frage hat, würde ich gern was trinken, aber fragen sie nur“. Es fragte niemand mehr, die Getränkeecke bekam reichlich Zulauf, Michael Krüger stand auf und sah mich an. JETZT ODER NIE! „Guten Abend, Herr Krüger. Würden Sie mir wohl eine Widmung in meinen Gedichtband schreiben?“ Tadaaaa! Es war raus! Ausgesprochen! Yes! Ich war ja so ungeheuerlich mutig. Ich war so großartig. So toll. Ich war so … so, nun beruhigen wir uns mal wieder.

Ich hab ihn tatsächlich angesprochen. Er nickte: „Natürlich, gerne.“ Ich zog den Gedichtband hervor und dann bekam ich eine so persönliche Widmung, das kann doch kein Zufall sein. Seht selbst. Ein schöner Abschluss eines schönen Tages. Anschließend bin ich sehr glücklich nach Hause gefahren.

for you

for you

Ein paar sächsische Wölkchen für mich.

 

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© mp