ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Tag: Lyrik

irgendwo

irgendwo
vielleicht eine insel
vielleicht im kopf
oder herzinnen
irgendwo
fühlen und denken
irgendwo
ist einer
mir insel
irgendwo
im herzen verinselt
du

©mp

überlistet

die list
der liste
die auflistet
was du vergisst

die list
der liste
die listet
was vergessen ist

die liste
ist arg
die arglist
der liste ist
dass du dich
selbst vergisst

die list
der liste
die dich vergisst
macht
dass du dich
selbst vermisst

©mp

da_sein (gewidmet)

du bist da
& nicht da
ich bin hier
& nicht da
& jetzt
bist du hier
um zu sehn
ob ich da bin
also hier
da bin ich
doch hier
bin ich nicht
ich bin bei dir
der du
nicht da bist
der du nicht
hier bist
bei mir

© mp

 

(25.04.2022)

gewicht

wie schwer es ist
& was es braucht
ein gedicht
zu schreiben
spüre ich besonders
wenn ich keines
schreiben kann

© mp

bewegt

das jahr ist müde
geworden
die tatzen blättern
ausgestreckt & träge
durch die bäume
dann legt es sich
in seinen letzten stunden
behutsam schlafen
ein seufzen geht durch
die leichte winterluft
bald ist es vergangen
es wartet schon
das neue jahr

© mp

wer

wer sieht hin
wer blickt durch
wer sieht was
wer sagt was
wer sagt nichts
wer verfolgt
wer befolgt
wer bedroht
wer erkennt
wer versteht

© mp

samstagmorgen

der neue song von justin bieber
läuft im hintergrund als ich schreibe
neben mir die tasse kaffee
vor dem fenster spaziergänger
und hellblauer himmel
mit verzupften federwolken
arbeitsfrei und ich bin
voller guter ideen
was ich heute machen möchte
meine eigenen maßnahmen treffen
für mich selbst regeln
was und was nicht
an diesem samstagmorgen
ist fast alles gut

© mp

nach außen und nach innen

ruh dich aus
wenn du dich müde fühlst
finde deine inseln
die dir kraft spenden
bereise sie
genieße die ruhe
das bei-dir-sein
schone dich
sei gut mit dir und geduldig
du bist es wert
[ich] schicke dir liebevolles
in den raum der du bist

© mp

pfade

der faden
der sich in den tag legt
sich hindurchzieht

der faden
den wir nicht verlieren
wollen

aus unseren augen
der faden
der reißt

und wir
wie ausgefädelt
versuchen

den faden wieder
aufzunehmen
wieder anzuknüpfen

© mp

vielleicht

vielleicht war ich zu früh
vielleicht war ich zu spät
vielleicht war ich zu schnell
vielleicht war ich zu langsam
vielleicht habe ich zu viel gesagt
vielleicht zu wenig
vielleicht war ich zu laut
vielleicht zu leise
vielleicht war ich zu ungenau
oder zu genau
vielleicht war ich zu ungeduldig
vielleicht zu zaghaft
vielleicht war ich an der falschen stelle
vielleicht an der richtigen
vielleicht stimmte die zeit nicht
vielleicht war es der beste zeitpunkt
vielleicht ist es schlimmer als es je war
vielleicht wird es schöner als alles
vielleicht sehe ich nicht klar
vielleicht ist alles gut

© mp

ein gedicht ist arbeit

ein gedicht ist arbeit. mehr oder weniger. arbeit ist es immer, ist die frage, was es kostet. also außer zeit. herzblut vielleicht. sich in etwas vertiefen, das innerlich oder äußerlich ist. es ist immer etwas, das etwas erfordert. dazu gehört nicht nur das sich-hinsetzen, es gehört dazu auch das aufstehen, innen. dies zu beschließen reicht aber noch nicht, man muss noch etwas mehr aufwand betreiben. so wie der sportler sich vorher dehnt und streckt, verhält es sich auch beim dichten. manchmal muss man erst mal die worte locker machen, oder ein thema. weil es vielleicht noch keines gibt. oder eines, das noch nicht greifbar ist. oder gerade nicht sein soll und stattdessen sucht man ein anderes. oder, indem man einfach festhält, was die gegenwart bereithält, was gegenwart ist.
hier jedenfalls ein paar „dehn-und streckübungen auf dem papier“ von einer dichterin, die ich bin. haha. normalerweise bleibt das nur bei mir, für mich behalte ich das, heute mache ich das mal anders. ihr dürft mitlesen, teilhaben, ein kleines bisschen habe ich es bearbeitet, so dass es für mich gut klingt. ich hoffe, es gefällt euch. ich hatte jedenfalls spaß dabei und daran.

I

die vögel singen
was sollten sie sonst auch tun
außer auf dem ast zu sitzen
und dort auszuruhn

© mp

II

die vögel singen
vor allen dingen
früh im chor
uns allen etwas vor
schöne frühlingslieder
es fährt uns in die glieder
jedenfalls den wachen
die schon spaziergang machen
die vögel singen weiter
ohje das wird noch heiter
wenn das den tag so weiter geht
zeigt es dass es auch heiter geht

(dazu ein südwind nordwind weht)

© mp

III

verzeihung dass ich petze
sie schreiben halbe sätze

© mp

IV

was macht ein dichter ohne worte?
er isst ein stückchen apfeltorte.

© mp

V

und vor dem fenster: dauerregen
der bringt ja bekanntlich segen
doch angesichts der wetterlage
bleibt präsent doch eine frage:
gut ein segen doch für wen
das muss man freilich erst verstehn
meint es den landwirt oder bauer
den dichter oder regenschauer

© mp

IX

die menschen hab ich irgendwann verstanden
das kam mir unterwegs jedoch abhanden
nun ist mir diese spezies häufig
mit ihrer art sehr ungeläufig

© mp

X

das glück ist eine große nummer
das gegenteil: der große kummer
da gibt’s noch irgendwas dazwischen.
wenn die vom schicksal beides mischen.

© mp

nullpunkt / wie im film

in fight club heißt es
an einer stelle:
du musst an deinen
nullpunkt kommen
eine szene in der
brad pitt und edward norton
im auto unterwegs sind
auf nächtlicher straße
diskutieren sie
wichtige fragen
des lebens
während edward norton
langsam panisch wird
löst brad pitt die hände
vom lenkrad
lass los
lass es los
lass es los

der nullpunkt ist der punkt
an dem zuerst alles stillsteht
bevor es dann umschlägt
aufsteht
erneuert
in eine andere richtung geht
der nullpunkt ist
kein toter punkt
sondern der an dem neues beginnt
doch dazu muss das alte
losgelassen werden
also vertrauen
und loslassen
lass los
lass es los
lass es los

© mp

hier zur erinnerung, für alle, die nicht mehr wissen, die sich nicht mehr erinnern oder den film überhaupt noch nicht gesehen haben. jemand hat die bilder nachträglich mit einem effekt versehen, aber sie sind noch erkennbar und die worte sind wichtig. (ich werde ihn mir in kürze auch noch mal ganz anschauen. mein absoluter lieblingsfilm).

verquer

überall sitzt mir das virus
im kopf in meiner sprache
im radio in den geschäften
auf der straße tag und nacht
maskiert überall zahlen
es ist zum verzweifeln
ich kann kein gedicht schreiben
nicht darüber und nicht darunter
nicht hier und jetzt und überhaupt
ich kann nicht
die worte kämpfen miteinander
ich kann nicht nur das eine
sagen will doch soll doch ganz
und alles ach
ich kann nicht
ich kann überhaupt nichts sagen
ich kann überhaupt nichts schreiben
die worte rasen durch mich
ich schreie
ich kann überhaupt nichts tun
nicht mal ein gedicht kann ich schreiben

© mp

offen

worte
wie eine hand
die streichelt
in die welt der poesie
male ich bilder
der zuversicht
der hoffnung große schwester
eine offene tür
das glück
& so viel raum
für knospende
träume

© mp

knurren

ich habe einen kater
der schnurrt und brummt
irgendwas brütet er aus
in seinem letzten leben
war er vielleicht
ein huhn oder vogel
kreisend über allem
doch jetzt liegt er müde
im sessel
irgendwas hängt schief
unter dem himmel
singt der vogel in ihm
die menschen verlieren
ihren mund
ihre sprache
klingt mürbe
ich bemühe mich
um ein gedicht
die worte werden
schwerer und schwerer
hoffentlich zerbrechen sie nicht

© mp