tomas espedal in berlin

von wolkenbeobachterin

das erste mal
sehe ich ihn zufällig
im vorraum zur lesung
er huscht vorbei an mir
im letzten moment
sehe ich ihn
aus dem augenwinkel
mit zerknittertem haar & mantel
geht er mit zwei männern
an mir vorbei

ich freue mich auf die lesung
doch ich muss warten
eine halbe stunde noch

dann öffnet sich die türe zum saal
der wie der vorlesungssaal einer universität aussieht
mit den vielen treppenstufen & stühlen
mit dunkelbraun gemaserten holzwänden
zementgrauem boden
& unten zwei tische für tomas espedal & seine begleiter

es geht ein stimmengewirr durch den raum
ich setze mich in die erste reihe
elke heidenreich sitzt drei stühle von mir entfernt
gleich geht es los

doch es geht anders als gedacht
die mikros funktionieren nicht
alle sollen näher kommen
um besser zu hören
ich sitze in der ersten reihe
ich sitze gut
besser kann ich gar nicht sitzen
ich habe den besten platz
& platze gleich
vor freude

tomas espedal sitzt direkt vor mir
nur ein paar schritte entfernt
mit zerwuscheltem haar
er spricht lächelnd

mit seinem übersetzer hinrich schmidt-henkel
der eröffnet den abend
mit vielen fragen

tomas espedal antwortet er spricht
über sein neues buch „das jahr“
& vom dichter petrarca erzählt er
der ihn inspiriert hat
über die ewige liebe nachzudenken
die er sucht & vermisst
doch so sagt er es nicht
so verstehe ich es

tomas espedal spricht leise
als wäre er alleine oder mit einem guten freund
ganz ruhig
mit angenehmer stimme
er ist ganz bei sich
hellwach
sortiert er die worte
vor seinem mund

er schreibt seine romane nicht am computer
er schreibt sie in hefte
krakelig mit der hand auf linienpapier
seine worte prägen sich immer tiefer ein

er erzählt mehr vom italiener petrarca & dessen liebe
zur sehr jungen laura
er liebte keine andere
so wie sie
& später wurde ihm der prozess gemacht
abgeschnitten wurde ihm die männlichkeit

wie bei mir sagt tomas espedal
wie bei mir
bis auf das mit der abgeschnittenen männlichkeit
& dann wird er rot übers ganze gesicht
& beginnt zu lachen
der ganze saal lacht mit
diesem roten lachenden gesicht

ich sitze in der ersten reihe
& tomas espedal nimmt sein neues buch
das gespickt ist mit zetteln
er blättert & beginnt zu lesen

es ist ein roman doch er ist geschrieben
wie ein gedicht & tomas espedal liest
mit ruhiger schöner stimme
in einer sprache die ich nicht kenne
der klang berührt mich
& er liest bis zum ende der seite

dann übernimmt frank arnold
sprecher & schauspieler
ich denke erst: warum
der muss doch nicht
doch ich irre mich
er liest die übersetzte fassung
& seine stimme geht sacht über die worte
setzt gekonnt pausen & liest weiter

es ist als lege sich
eine warme beruhigende decke
auf das publikum
es ist kein geräusch zu hören
nur diese stimme
die mit den worten von tomas espedal zaubert

dann ist er am ende der textstelle
das publikum ist noch ganz eingenommen
plötzlich bricht ein applaus los
auch tomas espedal applaudiert

dieser mann kann ihn mit einer zärtlichkeit lesen
die berührt & umfängt
frank arnold übersetzt jedes wort
& jede pause
in emotion

es folgt eine weitere textstelle
die zu lesen ist & jemand schlägt vor
dass zuerst der deutsche text gelesen werden soll
frank arnold liest wieder
mit dieser angenehmen stimme
es breitet sich etwas friedliches aus
das ganz tief geht
ich bin so berührt von tomas espedals worten
& der interpretation durch frank arnold
ich möchte das ganze buch von ihm vorgelesen bekommen
es ist so schön
es hört nicht auf schön zu sein
dann wird es wieder still

& wieder dieser moment der absoluten ruhe im raum
dann bricht der applaus wie eine welle durch die stille
auch tomas espedal klatscht & sagt:
ich werde nicht mehr lesen
das war so großartig
ich danke ihnen

ich verstehe was er meint
das gelesene legt etwas wundervolles
zu den worten von tomas espedal
er möchte es nicht zerstören

& jemand sagt:
wenn sie bücher signieren lassen wollen
können sie das oben machen lassen
am tisch neben dem büchertisch
ich will

& gehe langsam die stufen hinauf
ich bin so glücklich
diesen abend erlebt zu haben
gleich lasse ich mir die bücher signieren
alle fünf & das neue noch dazu
ich reihe mich ein in die schlange der wartenden

tomas espedal setzt sich an den tisch um zu signieren
& er beginnt mit ruhiger stimme
mit den besuchern zu sprechen
dann kritzelt er mit seinem kugelschreiber widmungen ins buch
ich bin gleich an der reihe
spreche kurz mit den frauen hinter & vor mir
dann bin ich auch schon dran

ich muss sprechen er fragt mich
nach meinem namen

er schreibt in mein buch
er schreibt ein paar worte & meinen namen hinein
in das erste
das zweite
das dritte
das vierte das fünfte & das neue buch
dann schaut er mich freundlich an

ich möchte noch etwas
sagen ich
ach
ich
stolpere ins englische
bedanke mich
& spreche
als wäre ich jemand anders

er sagt: ich danke dir und lächelt
ich lächle zurück & nehme meine bücher
& drehe mich im weggehen noch einmal um

 

© mp

(september 2019)