Lollapalooza 2018, Teil 3/3

von wolkenbeobachterin

Nach ausgiebigem Tanzen habe ich irgendwann das Bedürfnis nach einer Pause. Über eine der Treppen verlasse ich mit vielen anderen das Stadion im Schneckentempo. Ein paar Polizisten stehen oben an den Rampen und schauen wippend der feiernden Menge zu. Alles ist friedlich. Immer wieder sehe ich in lächelnde Gesichter. Obwohl alles voller Menschen ist, rempelt man sich nicht gegenseitig an. Mich erinnert die Szenerie an ein Video, in dem ein riesiger Kreisverkehr in Indien zu sehen war. Menschen mit Rikschas, Radfahrer, Mopeds, Autofahrer, Busse fuhren hin und her, und obwohl niemand den Verkehr regelte, es keine Ampeln gab, fädelten sich die Verkehrsteilnehmer locker ein und aus, ohne dass es Unfälle gab. So wie hier. Es geht kreuz und quer, die einen gehen ins Stadion, die anderen verlassen es, manche wollen zur Toilette, andere bestellen sich Pommes. Alles fließt! Wie im Ameisenhausen und es wirkte perfekt komponiert. Faszinierend!

Als ich auf dem Gelände bin, stelle ich mich noch mal an, um den Bezahl-Chip aufzuladen. Diesmal stehe ich nur knapp zehn Minuten an. Auf Hauptbühne 1 spielt seit 17.30 Uhr Casper mit Band, ich mache einen Abstecher dorthin und lausche dem deutsch-amerikanischen Rapper. Die Menge wippt auf und ab, singt mit, Kameras halten Bilder fest und die werden auf die riesigen Leinwände neben der Bühne übertragen. Richtig warm werde ich mit der Musik und der Stimme nicht und entscheide mich, an den gerade wenig besuchten Getränkeständen mir etwas zu Trinken zu bestellen. „Was ist denn ein schnelles Wasser?“, fragt mich der Mensch hinterm Tresen und ich muß lachen. „Nicht schnelles, sondern stilles Wasser“, sage ich. Mit 4 Euro für einen Plastikbecher Wasser, plus einem Euro Pfand, bin ich dabei. Im Vergleich zu den anderen Getränken ist das ziemlich teuer.

Ich begebe mich zu Bühne 1, wo The National auftreten werden, deren Song „About today“ mir sehr gefällt. https://stadtzottel.wordpress.com/2018/09/03/today/ Ich bin gespannt, wie sich die Stimme des Sängers live anhören wird. Die Band, die ich erst kürzlich entdeckt habe, scheint bekannt zu sein. Eine Menschentraube hat sich vor der Bühne gebildet. Das Publikum ist altersmäßig durchmischt, und in der Menge sehe ich einen Mann mit Bart, Sonnenbrille und Hut, der mich an den englischen Singer-Songwriter Fink erinnert, der tags drauf auf dem Lollapalooza auftreten wird.

Fink hatte ich im vorletzten Jahr schon woanders live gehört. Der Sound war grandios und das Konzert hatte mir gut gefallen. Kaum habe ich das gedacht, läuft er an mir vorbei. Er erkennt mich nicht und ich bekomme erste Zweifel (ich mache Spaß). Es war nicht Fink, sondern sein Doppelgänger. Fink hatte bestimmt sein Double vor die Bühne gestellt, damit er in Ruhe woanders Musik hören konnte.

Es ist 18.30 Uhr. The National beginnen zu spielen. Die Bühne gleicht einer riesigen Leinwand, an die Bewegtbilder projiziert werden. Die US-amerikanische Indie-Rockband wird von übereinander liegenden Videobildern in blau eingehüllt, der Sänger klingt live genauso gut wie in den Videos.

Irgendwann springt Matt Berninger, so heißt der 47jährige Sänger, studierter Grafikdesigner und Frontmann der Band, ins Publikum, während er weiter singt, und lässt sich über die Köpfe des Publikums heben. Die Security tänzelt vor der Absperrung herum. Als er wieder festen Boden unter den Füßen hat, geht er am Zaun entlang und berührt viele Hände in der ersten Reihe. Dann rennt er los soweit das Kabel seines Mikros reicht, um schließlich wieder auf der Bühne weiter zu singen. Die Kameraleute haben Schwierigkeiten seinem Tempo zu folgen.

An Hauptbühne 2 beginnt bereits der Auf-und Umbau für den nächsten Gig. Der ist The Weeknd, auf den ich mich sehr freue. Es warten bereits unzählige Fans und der Strom derer, die auch dorthin wollen, reißt nicht ab. Die Sonne ist gerade untergegangen, zahlreiche Lampions und bunte Lichter zieren jetzt das Gelände des Olympiaparks. Auch das Riesenrad ist beleuchtet und erhellt den Abendhimmel. Immer noch ist es warm, überall liegen oder sitzen Menschen auf dem Boden, reden oder ruhen sich aus. Vor der Bühne von The Weeknd ist allerdings kein Platz dafür. Bei keinem anderen Konzert wird soviel gedrängelt wie hier. Es ist brechend voll.
Das Konzert beginnt, The Weeknd rennt auf die Bühne, und alles ist von schwarz-weißen Videobildern angestrahlt. Ich sehe ungefähr 8.000 Arme und 4.000 Smartphones in der Luft, die ein Konzert mitfilmen, sehen tu ich ansonsten nicht viel. Immerhin höre ich ihn singen, und erkenne die Stimme, die sehr hoch klingt. An der Leinwand kann ich The Weeknd in schwarz-weiß Videobildern bewundern. Der erfolgreiche 28jährige kanadische R&B-Musiker rockt in seiner bemalten Jeansjacke über die Bühne.

Die Smartphones sind unentwegt in der Luft, es wird laut mitgesungen, hin und wieder drängeln sich ein paar Leute durch die Masse. Mir ist es zu eng, ich schiebe mich irgendwie raus aus der Menge und mein Platz wird gleich besetzt, die Freude ist groß, zehn Zentimeter weiter nach vorne gekommen zu sein. Ich gehe ein bischen herum auf dem Platz und mache Fotos. Der Abend, und damit mein Lollapalooza 2018, ist fast zu Ende, ich bestelle mir noch was im Foodcourt.

Ab 21.30 Uhr ist David Guetta auf Perry’s Stage eingeplant, also im Stadioninnern. Die Festivalplanung hat sämtliche DJs dort untergebracht. David Guetta ist der letzte Gig des Abends, den ich besuchen möchte.

Doch erst esse ich in Ruhe, ich habs nicht eilig, setze mich zu den anderen, trinke noch was. Als ich mich aufmache um ins Stadion zu kommen, sehe ich schon von Weitem einen riesigen Menschenauflauf vor dem Eingang. Eine große beleuchtete Hinweistafel verkündet, dass Einlass-Stop für Perry’s Stage wegen Überfüllung ist. Später lese ich in der Zeitung, dass etwa 2.000 Leute vergeblich vor dem Eingang gewartet haben. Die 74.475 Sitzplätze des Olympiastadions blieben den ganzen Tag und Abend gesperrt, während der Innenraum überfüllt war und draußen zahlreiche Musikbegeisterte standen, die nicht hinein und mitfeiern durften. Ich bin froh, dass ich mich kurzentschlossen auf den Weg nach Hause gemacht hatte. Die S-Bahnen waren voller als am Morgen, doch ich komme gut voran. Vor Mitternacht bin ich glücklich und zufrieden Zuhause.

© mp

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