Was werden Sie sagen?

von wolkenbeobachterin

Was werden die, die mit mir zu tun hatten, die, die meinten mich zu kennen, die, die mich wirklich kannten, was werden sie über mich sagen und über mich schreiben, wenn ich mal tot bin? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf. Gestern. Heute. Ich habe mir gestern die Doku über Heiner Müller angesehen. Was mir nach Dokumentationen bzw. Portraits über Menschen häufig durch den Kopf geht ist die Frage: Inwieweit war der Mensch, über den hier berichtet wurde, wirklich der Mensch, über den hier berichtet wurde? Was würde Heiner Müller zu ebenjenem Portrait sagen? Mir hat es sehr gefallen. Eine interessante Komposition aus Musik, alten Aufnahmen und Interviews. Ich schätze ihn sehr als Autor, liebe seine kraftvollen Gedichte, höre ihn sehr gerne in Interviews, habe in seine Stücke bislang nur vereinzelt reingelesen, aber schon Aufführungen besucht. Als ich jünger war und ich in ersten Gedanken mich mit der eigenen Sterblichkeit befasste, da fragte ich mich oft, wie viele Menschen zu meiner Beerdigung kommen würden. Ob sie tanzen würden oder traurig wären. Ich stellte mir vor – und das denke ich wirklich, dass die Verstorbenen bei ihren eigenen Beerdigungen dabei sind -, ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich den anderen dabei zusehen würde, wie sie mich verabschieden. Dass dort vielleicht einige Menschen wären, die mich geliebt hatten, manche vielleicht auch dabei, die dies mir nie gesagt hatten. Dass es Menschen gäbe, die wütend wären auf mich, weil ich fort war, oder war, wie ich war, oder weil etwas ungeklärt oder unausgelebt oder unausgesprochen geblieben war. Dass es aber auch Menschen gab, die sagten: Gott sei Dank, die ist endlich weg. Vor einiger Zeit, als ich mit einem Bekannten unterwegs war, unterhielten wir uns auch über das Thema Tod. Robin Williams hatte sich gerade das Leben genommen, was mich immer noch sehr beschäftigte und traurig machte. Ich sagte, ich wisse ja nicht, ob ich nächstes Jahr noch leben würde, aber ich würde, wenn, dann gerne dies und das tun. Da war er sehr empört und meinte: Warum sollst Du denn nicht mehr leben? Und ich fragte: Was weiß denn ich, wann ich dran bin? (Seit dem Tod meiner Eltern habe ich einen anderen Bezug zum Tod). Die Frage nach dem „Was bleibt?“ ist eine häufige, die nicht nur im Zusammenhang mit dem Tod, sondern auch mit dem Absterben von Bindung sich auftut. Vielleicht, weil wir gern möchten, dass etwas bleibt. Auch von uns. Vielleicht brauchen wir den Gedanken, dass etwas Sinn hatte, wir Sinn hatten, gemacht haben, dass wir nicht nutzlos waren. Ob und dass wir geliebt wurden. Was werden Menschen über mich sagen? Über Begegnungen mit mir, wenn ich nicht mehr bin? Ich werde es nie erfahren. Vielleicht sollte man anfangen, Lobreden oder Dankesreden oder auch Wutreden zu schreiben über Menschen. Damit sie es zu Lebzeiten erfahren. Dass sie geliebt sind. Dass sie geachtet und geschätzt sind. Ich mag den Gedanken. In kleiner Form, denke ich, mache ich es. Indem ich lobe, anerkenne, schätze, liebe. Wertschätzung ausdrücke. Kürzlich erzählte mir jemand, dessen Mutter im Sterben liegt, er habe einen Brief an sie geschrieben, den er ihr vorlesen wollte am gleichen Abend. Und in diesem Brief, hatte er das ganze gemeinsame Leben rückblickend aufgeschrieben. Dank, Wertschätzung, Freud und Leid. Er bedankte sich bei Ihr. Ich fand das sehr rührend und liebevoll. Und vielleicht sollten das mehr Menschen tun, mich eingeschlossen. Danke sagen, sich mitteilen, solange es noch geht. Danke, dass es Euch gibt.

Die Doku für alle die es interessiert:

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