empor.hinein.heraus.gewachsen.

von wolkenbeobachterin

Was kann man dafür, wo man aufwächst? In welcher Familie, an welchem Ort? Gar nichts, es sei denn, man ist Verfechter der Theorie, dass wir uns alle unsere Eltern und die Umstände, in denen wir aufwachsen aussuchen, um daran zu wachsen, um dort zu lernen, um dort etwas hin zu geben. Betrachtet man manche Leben von außen, mag das stimmen. Alles schön, alles easy, alles rosig. Doch bei anderen, kommt dann der Zweifel. Das soll selbst ausgesucht sein? Bei all dem, was der-oder diejenige durchgemacht hat?

Im Roman „Stinkehose“ erzählt der Autor Axel Altenburg seine Geschichte. Er wächst in den 60er Jahren in Berlin auf und ist eines von vier Kindern, – vier Jungs und ein Vater, der trinkt und schlägt und eine Mutter, die mehr oder weniger erfolgreich versucht, diese Familie eine Familie sein zu lassen. Der Protagonist wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, das Geld reicht zum Essen nicht, an manchen Tagen laufen die Kinder herum mit nur heißem Wasser im Bauch, sonst nichts, weil nichts da ist. Die Möbel fallen fast auseinander, der Vater schlägt und säuft, die Mutter will sich irgendwann das Leben nehmen. Eins der Kinder macht in sein Bett und erfährt dafür Schläge und Verachtung des Vaters. „Epilepsie aufgrund von Missbrauch“ diagnostiziert ein Arzt. Missbrauch erfährt auch Axel, als er zum Urlaub machen in den Ferien weggeschickt wird. Er freut sich auf die Zeit, mal raus Zuhause, neue Umgebung und Menschen, regelmäßiges Essen. Doch dann geschieht das Unfassbare.

Die Kinder sind allein in dieser Familie und halten doch zusammen, auch die Erwachsenen sind allein und doch ist das hier eine Familie. Eine, sich irgendwie durchwurschtelt, die irgendwie versucht Oberwasser zu bekommen, doch es fehlen die Mittel. Doch sie geben nicht auf, lassen es schleifen oft, dann passiert wieder etwas, weil zu lange gewartet und nicht gekümmert wurde. Es geht immer weiter, trotzdem, trotz allem, die Kinder werden größer, werden älter, die Hoffnung bleibt, dass es besser wird. Weihnachten bekommt jeder ein kleines Geschenk, die Oma macht Weihnachtsteller und Heiligabend säuft der Vater nicht. Als ein paar Gäste kommen, um gemeinsam Silvester zu feiern, kauft der Vater stolz eine Musiktruhe, die niemand berühren darf außer ihm. Doch dann ist es der kleine Sohn, der dem Vater das technische Gerät erklären muss. Als die Gäste dann kommen, wird Familie „gespielt“, wie es häufiger geschieht, sobald jemand anders zu Besuch kommt, dem man nicht sagen möchte, wie es wirklich bestellt ist, um diese Familie.

Dieser Roman ist grandios geschrieben. Eine schöne Sprache, die man angesichts obiger und weiterer Zu-und Umstände vermutlich eher nicht erwarten würde. Hinter all der Gewalt, Verachtung Zuhause und der Ausgrenzung, die die Familie fast überall erfährt, auch die Kinder in der Schule, gibt es doch etwas wie den Versuch menschlicher Wärme, den Versuch von Zusammenhalt. Gewiss, diese Familie und deren Leben ist sicher nicht die Regel, eher die Ausnahme, doch es gibt sie. Es gibt sie, die Menschen, die irgendwo aufwachsen, und irgendwo raus wollen, die ganz allein sind oder sich so fühlen. Die ein anständiges Leben wollen, eines, in dem sie Wertschätzung erfahren und Unterstützung. Eines, in dem „wenigstens“ Grundbedürfnisse nach Wasser, Essen, Wärme, Liebe und Freundschaft gestillt werden.

Axel Altenburg hat ein Buch geschrieben, das ich sehr empfehlen möchte. Manchmal muss man es zur Seite legen, um all das zu verdauen. Wie unterschiedlich doch Lebenslinien verlaufen. Wie unterschiedlich doch das ist, was Menschen zu (er-)tragen haben. Und wie unterschiedlich mit alldem umgegangen wird.

 

© mp

Hier noch ein paar Infos zum Roman, auch eine Leseprobe:

http://www.klingenstein-verlag.de/stinkehose.html

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